Kunstgewerbeblatt: Vereinsorgan der Kunstgewerbevereine Berlin, Dresden, Düsseldorf, Elberfeld, Frankfurt a. M., Hamburg, Hannover, Karlsruhe I. B., Königsberg i. Preussen, Leipzig, Magdeburg, Pforzheim und Stuttgart — NF 27.1915/​1916

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KUNSTGEWERBEBLATT

NEUE FOLGE(^ 1915/16 T£>27 -JAHRGANG

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WANNSEEBAHN

BERLIN-ZEHLENDORF-
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E. A. SEEMANN IN LEIPZIG,
HOSPITALSTR. IIa - TEL. 244

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SEPTEMBER

VEREINSORGAN ™™™%z

BERLIN, DRESDEN, DÜSSELDORF, ELBERFELD,
FRANKFURT A. M., HAMBURG, HANNOVER, KARLS-
RUHE I. B., KÖNIGSBERG I. PREUSSEN, LEIPZIG,
MAGDEBURG, PFORZHEIM UND STUTTGART böhh

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REISESTUDIEN

1. KUNSTLEBEN UND KUNSTPFLEGE IN DEN VEREINIGTEN STAATEN

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ALS der Krieg hereinbrach, schrieb ich eben den
Bericht über eine Reise nieder, die ich kurz
zuvor mit Hilfe der Stiftung für Auslandsreisen
deutscher Gelehrter auf Anlaß des preußischen Kultus-
ministeriums hatte machen können. Vor den unge-
heuren Ansprüchen des Augenblicks schienen mir
damals die Eindrücke aus fernen Ländern und Zeiten
ohne Belang. Erst jetzt verlohnt es sich, auf sie
zurückzukommen, da nahe vor uns die ungeheure
Aufgabe steht, nach dem Frieden die Weltwirtschaft
und die Weltgeltung Deutschlands über neuen Grund-
lagen wieder aufzubauen. Dazu wird jeder deutsche
Arbeitskreis aufgerufen werden, nicht zum wenigsten
Gewerbe und Kunst; dazu können vielleicht einige
meiner Erfahrungen beitragen, die ich hier zu Einzel-
studien zusammenfasse: über Kunstleben und Kunst-
pflege in den Vereinigten Staaten, über dortige Museen
und Bibliotheken, über den Kolonialstil Nordamerikas,
über Eindrücke aus der alten Kunstwelt in Japan und
China, über Kunstgewerbe und Kunst in Rußland.
Ich habe bei diesen Studien dasselbe Ziel vor Augen
wie auf meiner ganzen Reise: die Werke und Ab-
sichten der Fremden zu würdigen, um aus ihnen
zu lernen und danach uns selber in der Welt durch-
zusetzen.

Wer auf einem unserer deutschen Riesenschiffe
hineindampft in die rhythmisch sich verengenden
Buchten von New York, dem wünsche ich dafür die zarte
Nebelstimmung, die mich an einem Märzmorgen des
Jahres 1913 dort empfing. Ein schimmernder Schleier
verhüllte alle Einzelheiten des Stadtbildes. Man ahnte
nur, wie gewaltige Körper sich neben- und über-
einander auftürmten, neu und verwegen in Massen
und Umrissen, Kinder einer und derselben Gesinnung,
Sinnbilder eines unerhört mannhaften Willens. So
mag Amerika dem Träumer erscheinen, der voll un-
gemessener Hoffnungen seinen Fuß auf die neue Erde
setzt. Allein bald zerriß die Sonne unbarmherzig den
versöhnenden Vorhang und stellte die nüchternen Tat-
sachen ins Licht. Nun sah man, daß fast alle diese
Stahlungeheuer zwar gut gewachsen, aber schlecht ge-
kleidet waren, behängt mit nichtssagenden oder auf-

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dringlichen Fetzen alter Stilformen. Man empfand,
wie sie rücksichtslos einander zu überbieten suchten
durch ihre Massen, ihre Türme, ihren Zierat, als gelte
es einen Kampf aller gegen alle. Auch dies ein
Gleichnis des amerikanischen Lebens, wie es sich dem
kühleren Beobachter darstellt, und wie es der Krieg
uns zu unserer tiefen Erbitterung auf lange hinaus
eingeprägt hat: hinter schönem Schein die rohe Eigen-
sucht persönlichster Interessen, noch weit ab von dem
eingeborenen Gemeingefühl, ohne das auch die künst-
lerische Kultur eines Volkes nicht gedeihen kann.

Auf der Suche nach solcher künstlerischen Kultur
mußte ich zuerst fragen: Hat Amerika gehalten, was
es vor einem Menschenalter für die neue Kunstge-
sinnung versprach? Hat es sich bewährt als das Land
der Verheißung für den ersehnten Weltstil des 20. Jahr-
hunderts?

Als anfangs der neunziger Jahre die junge Reform-
arbeit in der deutschen Werk- und Baukunst einsetzte,
haben wir dazu Amerika als Paten aufgerufen. Weniger
belastet mit der Vergangenheit, entschlossener auf die
Gegenwart gerichtet, schien es für die Zukunftsauf-
gaben den günstigsten Boden zu bieten. Ihm wuchsen
die köstlichsten Naturstoffe zu, Hölzer, Steine, Erden,
Metalle jeder Art; an sinnreichen Maschinen und kluger
Organisation des Großbetriebes war es dem alten
Europa überlegen; schon prägten die riesigen Möbel-
fabriken jenen schlichten Sachstil aus, der uns allen
als das hellste Merkzeichen der neuen Zeit gilt. Auch
an feinsinnigen Künstlern fehlte es nicht, um die
edlen Stoffe zu eigenartig reizvollen Kunstwerken zu
nutzen: John La Farge belebte das neuartige, schil-
lernde Fensterglas, Louis Tiffany das Glasgeschirr,
William Bradley den Buchdruck, Edward Penfield das
Plakat, andere die eben aufkommenden Körper für
elektrisches Licht. Was damals deutsche Beobachter,
wie Wilhelm von Bode, schilderten, was man uns
aus der Weltausstellung in Chicago 1893 heimbrachte,
war zwecksicher, gediegen und von bald sachlich
knapper, bald phantasievoll bewegter Gestaltung, ein
jugendfrisches Gegenbild zu der qualitätlosen Orna-
mentenseuche der damaligen deutschen Kunstindustrie.

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