Kunstgewerbeblatt: Vereinsorgan der Kunstgewerbevereine Berlin, Dresden, Düsseldorf, Elberfeld, Frankfurt a. M., Hamburg, Hannover, Karlsruhe I. B., Königsberg i. Preussen, Leipzig, Magdeburg, Pforzheim und Stuttgart — NF 27.1915/​1916

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Anneliese Wildeman, Bonn. Stille Trauer
(Auf Pergament)

Anneliese Wildeman, Bonn

Am Quell

DER ROLAND VON BRANDENBURG

VON BRUNO TAUT, ARCHITEKT B. D. A. (BERLIN), z. Z. BRANDENBURG

DER Roland von Brandenburg ist eine unbekannte
Größe. Es geht ihm, wie es oft bedeutenden
Werken ging: Als das Opfer der sogenannt
wissenschaftlichen Kunstgeschichte wird er seiner Be-
sonderheit, seiner Maße wegen katalogisiert, aber nie-
mals wird seine ganz einzigartige Schönheit gewürdigt.
Der Brandenburger Führer spricht von ihm so: »Der
etwas ungeschlachte steinerne Geselle..« Dies dürfte
auch die Tonart der allgemeinen Meinung über ihn
sein. Man wertet ihn höchstens kulturgeschichtlich
als Puppe mit verrenkten Gliedern und Riesendimen-
sionen, die von den städtischen Sitten des 15. Jahr-
hunderts Zeugnis ablegt. Man lehrt, daß der Roland
das Wahrzeichen der freien Gerichtsbarkeit und das
monumentale Siegel eines kraftvollen Städtegebildes
war, und nennt ihn im übrigen einen »etwas un-
geschlachten Gesellen«.

Der »Geselle« hat aber eine Größe des künstle-
rischen Stils, welcher ihn weit über seinen berühmteren

Nebenbuhler in Bremen erhebt und ihn zu einem der
allerbedeutendsten Kunstwerke in Deutschland macht.
Es gehört zu den ganz seltenen Überraschungen, ihn bei
einem Gange durch die Stadt von der Steinstraße her
plötzlich vor sich zu sehen: Die säulenartigen Beine,
der prachtvoll gegliederte Körper, das riesige, mit un-
glaublicher Kühnheit übergroß komponierte Haupt,
welches das Ganze krönt, mit dem edlen und schönen
Gesicht — alles bildet zusammen eine vollkommene
und geschlossene Einheit. Die Existenz eines solchen
Standbildes in Deutschland muß uns glücklich machen.
Der Anblick der ägyptischen Monumental-Bildwerke
ist nur wenigen Auserwählten beschert; hier ist ein
Werk von großen Dimensionen innerhalb unseres
eigenen Milieus. Darum sollten wir es lieben und
ebenso in unseren geistigen Besitz aufnehmen, wie
ein Straßburger Münster.

Selten, sehr selten gibt es heute ein lebendiges
Gefühl für Architektur. Alles Fühlen ist überwuchert

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