Kunstgewerbeblatt: Vereinsorgan der Kunstgewerbevereine Berlin, Dresden, Düsseldorf, Elberfeld, Frankfurt a. M., Hamburg, Hannover, Karlsruhe I. B., Königsberg i. Preussen, Leipzig, Magdeburg, Pforzheim und Stuttgart — NF 27.1915/​1916

Page: 124
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Gegensatz zu der allgemeinen, oder besser: über-
wiegend bekannt gewordenen Entwicklung der kunst-
gewerblichen Bewegung geraten, die er vor zwanzig
Jahren durch die Begründung der Vereinigten Werk-
stätten mit eingeleitet hat. Das ist sehr auffallend,
weil seiner Zeit eine fast vollkommene Einmütigkeit
des Strebens und der Zielfestsetzung bei den am
neuen Kunstgewerbe Hauptbeteiligten angenommen
wurde; um einige Namen zu nennen, bei Obrist,
Paul, Riemerschmid, Van de Velde, Pankok und
v. Berlepsch. Diese Übereinstimmung war nur eine
scheinbare, oder sie dauerte nur so lange, als das
Hauptgewicht auf das Ornament gelegt wurde, dessen
Mittel man allerseits in einer geschwungenen Be-
wegtheit zu finden glaubte. Da gingen Obrist und
Pankok auf der einen, und Van de Velde auf der
anderen Seite so nahe nebeneinander, daß ihre Art
selbst von der genauer beobachtenden Kritik vermengt
wurde. Erst als die Fabrikantenkatastrophe des Jugend-
stils die unverdient kompromittierten Künstler zu einer
Neuorientierung nötigte und Peter Behrens, um das
Jahr 1902 herum, auf der Turiner und Düsseldorfer
Ausstellung sehr wuchtig an Stelle des persönlichen
Ausdrucks vorerst einmal die unpersönliche Geometrie
einsetzte und durch das mathematische Ornament das
Chaos bändigte, da offenbarte sich sehr schnell die
ursprüngliche grundsätzliche Verschiedenheit der An-
schauungen und Begabungen.

An die Stelle der ornamentalen Belebung der
Fläche durch die Linie trat bei der größeren Gruppe
die rhythmische Gliederung, die Aufteilung. Aus dieser
Aufteilung ergab sich eine Synthese, und bald darauf
war die reine Gesamterscheinung wiedergewonnen,
von der man von jetzt an stets ausging, um sie als
Nutzform bis zur Vollendung durchzubilden. Es haftet
dem Schaffen mancher Künstler, die so von der Flächen-
gestaltung kommen, immer noch etwas Lineares an.

Van de Velde, der Schöpfer der durch Zug und
Gegenzug belebten Linie, blieb mit sehr wenigen
Anhängern bei seiner alten Kunstübung und müht
sich in interessanter Weise, indem er jeden Gegen-

stand gewissermaßen in seiner Gesamtheit als Orna-
ment behandelt, die Linie aus der Fläche in die
dritte Dimension zu erheben.

Pankok und Obrist hatten niemals, wie es aber
ihre nun abgeschwenkten Mitkämpfer früher getan hatten,
aus der erdachten, konstruktiven Behandlung der ein-
zelnen Teile ein körperhaftes Ganzes zu bilden ver-
sucht, sondern sie hatten von allem Anfang plastisch
empfunden. Ihre Möbelformen waren stets organisch
gewachsen und nicht konstruiert; die daran befind-
lichen Flächen waren niemals primär, und ihre Orna-
mente standen nicht außer Zusammenhang mit dem
inneren Kräfteausgleich der körperhaften Organismen.
Beide Künstler hatten also keinerlei Veranlassung, sich
und ihre Arbeitsweise zu ändern, und so sind sie
sich bis heute treu geblieben. Sehr falsch haben die
anderen ihnen das als ein Stehenbleiben, als ein Ver-
sagen ausgelegt. Bei Obrist scheint der Schaffens-
drang weniger stark erhalten zu sein, aber Pankok
ist gewiß nur bei seiner als richtig erkannten künst-
lerischen Anschauung stehen geblieben, doch gewiß
nicht in seiner künstlerischen Entwicklung. Es wird
sich wohl einmal Gelegenheit bieten, dies umfänglich
zu beweisen. Heute mag ein Vergleich des Ehe-
schließungszimmers in seiner ungebundenen Laune
mit der gereiften Leistung des architektonischen Auf-
baus und der tektonischen Durchbildung aller Teile
im Hause Rosenfeld genügen.

Die andere Gruppe leidet an der Übermenge geist-
loser Mitläufer. Die Führer, wie Paul und Riemer-
schmid, haben sich, des nackten Linearismus über-
drüssig, längst zu einer plastischeren Empfindung
durchgerungen. Beide Wege führen nach Rom, und
ich halte es für gar nicht ausgeschlossen, daß jene
sich mit Pankok wieder zusammenfinden. Eins fühle
ich aber ganz bestimmt: daß die Neigung der jüngsten
Generation zur ausdrucksvollen Plastik Pankoks zu-
rückdrängt, so daß wir bald eine nachhaltige und
allgemeinere Wertung auch seines kunstgewerblichen
Schaffens zu gewärtigen haben werden.

FRITZ HELLWAG

DER STAAT ALS TRÄGER DER KUNSTSCHULEN
UND VERWANDTEN BILDUNGSANSTALTEN

VON PROF. OTTO SCHULZE-ELBERFELD

AUCH wir Deutsche haben alle Veranlassung, mit
dem Dichter auszurufen: »Es ist eine Lust, zu
leben!« Die hochgehenden Wogen unseres
Ringens um die Zukunft tragen alle empor, es gibt
bei uns wohl nirgends müßige Zuschauer, jeder
kämpft um irgend etwas im besonderen noch außer-
halb des uns alle umschließenden Kampfes. Nicht
jeder dieser Sonderkämpfe mag einwandfrei sein, ja
mancher dürfte das Tageslicht zu scheuen haben, denn

so günstige Gelegenheiten höchster Begeisterung, bei
denen es sich leicht im Trüben fischen läßt, sind
äußerst selten. Und trotz alldem: »Es ist eine Lust,
zu leben!« Des Deutschen geheiligte Waffen und
Werkzeuge, »Schwert, Feder und Hammer«, wetteifern
miteinander, die Feinde niederzuzwingen und an Stelle
des der Vernichtung Verfallenden gleich wieder das
Neue zu setzen. Die Kämpfe nach außen zeitigen auch
Kämpfe nach innen; die Stärke nach außen deckt nicht

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