Bock, Nils
Die Herolde im römisch-deutschen Reich: Studie zur adligen Kommunikation im späten Mittelalter — Mittelalter-Forschungen, Band 49: Ostfildern, 2015

Page: 110
DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/mf49/0111
License: Creative Commons - Attribution - ShareAlike Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
110

Entwicklung. Die Rolle der Herolde im mittelalterlichen Turnier

zeugte. Die Veränderungen des 14. und 15. Jahrhunderts folgten dann, so Pa-
risse abschließend, den Bestrebungen das Turnier als Raum zur Darstellung
individueller Erfolge und großem materiellem Aufwand zu nutzen.
Vor allem die geäußerte These die Veranstaltung des Turniers als gesell-
schaftliches Spiel zu betrachten, stieß in der Forschung auf große Zustim-
mung. Diese Feststellung bildete den Ausgangspunkt für die von Gert Melvil-
le vorgelegte Studie zur Funktion des agonalen Spiels wie Tjost, Pas d'armes
und Turnier, am Beispiel der Fürstenhöfe Frankreichs und Burgunds im spä-
ten Mittelalter.311 Die in den Spielen praktizierte Regelhaftigkeit und Ordnung
erweist sich als symbolisch-expressives Handeln, das zeichenhaft über sich
selbst hinausweist und die Beteiligten auf entsprechendes Verhalten in der
Zukunft verpflichtet, denn durch diese auf den ritterlichen Idealen basierende
Elite konnten sich die Teilnehmer von deren fortwährender Gültigkeit über-
zeugen. Auf diese Weise konnten die Spiele trotz des permanenten Wettbe-
werbs um die Ressourcen ritterlicher Febensform, wie Ehre, Ansehen und
Ruhm und der ständigen Machtkonkurrenz am Hof das Gefühl von Stabilität
und innerer Geschlossenheit des höfischen Gefüges, also seine kollektive Iden-
tität, vermitteln.312 Dieses Bedürfnis hat insbesondere der gesellschaftliche
Wandel am Ende des späten Mittelalters verstärkt, der die Bedeutung der
militärischen Potenz des Adels und seiner Führungsrolle in Frage stellte sowie
seine Unabhängigkeit gegen die mächtigen Fürstenhöfe und das aufstrebene
städtische Bürgertum behauptete.
Die hier kurz zusammengefasste Entwicklung und Funktion des Turniers
diente im vorliegenden Teil als Folie, um die gleichen Fragen in Bezug auf die
Herolde zu beantworten. Dabei rechtfertigt sich die von mir gewählte enge
Verknüpfung von Herolden und Turnier durch die Entwicklung der Herolde
selbst, die im ritterlichen Turnier ihren Ausgangspunkt findet. Die frühen
Vertreter späterer Heroldsfunktionen gingen aus einem sozialen Milieu her-

311 Vgl. Gert Melville: Agonale Spiele in kontingenten Welten. Vorbemerkungen zu einer
Theorie des mittelalterlichen Hofes als symbolische Ordnung, in: Hof und Theorie. Annähe-
rungen an ein historisches Phänomen, hgg. von Reinhardt BUTZ, Jan HlRSCHBIEGEL, Dietmar
WlLLOWEIT, Köln (u.a.) 2004 (Norm und Struktur, 22), S. 179-202, hier S. 183.
312 Melville, Spiele S. 183. Melville verweist dabei auf seine eigene Beeinflussung durch Hui-
zinga, der die Versessenheit des spätmittelalterlichen Adels nach ritterlichen Wettkämpfen
mit dessen Suche nach Ordnung erklärt, die das Spiel mit seiner Fähigkeit „in die unvoll-
kommene Welt und in das verworrene Leben [...] eine zeitweilige begrenzte Vollkommen-
heit [zu bringen]" leisten kann. Indem die ritterlichen Wettkämpfe aber dem vorgestellten
Ansatz folgend als symbolische Form gewertet werden, ist es möglich ihre Funktion nicht in
der Herstellung einer der Realität abgesonderten Ordnung, sondern in der Stabilisierung der
geltenden sozialen Ordnung zu sehen. Die oftmals als Nachspiel (Mimesis) eines traditionel-
len Veranstaltungstypus organisierten Wettkämpfe verstärkten durch ihre konstruierte Kon-
tinuität seit Artus oder Karl dem Großen ihre Wirkung als Symbol für die außergewöhnliche
Beständigkeit von höfischen Strukturen. Diese Symbolisierung von Werten und Normen ad-
ligen Lebens bewies den Adligen, dass sie „noch erfüllen vermochten, was in ihren Augen
nach wie vor die Qualität bzw. mehr noch die Legitimität ihres Standes ausmachte - den
Vollzug von ritterlicher prouesse und vaillance." Johan Huizinga: Homo ludens. Vom Ur-
sprung der Kultur im Spiel, Reinbeck 1991 (Rowohlts Enzyklopädie, 435) (Homo ludens.
Proeve eener bepaling van het spel-element der cultuur, Haarlem 1938), S. 17 und 201.
loading ...