Bock, Nils
Die Herolde im römisch-deutschen Reich: Studie zur adligen Kommunikation im späten Mittelalter — Mittelalter-Forschungen, Band 49: Ostfildern, 2015

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Entwicklung. Die Rolle der Herolde im mittelalterlichen Turnier

rungsprozesses der Wappen in der Mitte des 12. Jahrhunderts wurde der
Schild dann den Bedürfnissen des Wappens angepasst und zum Träger des
Wappens aufgewertet, obwohl er zur gleichen Zeit durch die Weiterentwick-
lung der Rüstung seine eigentlich waffentechnische Funktion immer mehr
verlor.
Als Entstehungsort dieser Entwicklung wird in der aktuellen Forschung
das ritterliche Turnier und nicht mehr das Schlachtfeld angesehen.157 Zwar
konnten die Wappen auch in der Schlacht ihren Nutzen haben, aber vor allem
die Rahmenbedingungen der anfänglich in Massenkämpfen ausgetragenen
Turniere gestatteten es, dass die einzelnen Kämpfer von Gegnern und Zu-
schauern identifiziert und der Ausgang der Kämpfe beobachtet werden konn-
te. Dies wurde umso notwendiger als die Entwicklung von Rüstungen und
neuen Helmformen die Gesichter der Kämpfer nunmehr unkenntlich machten.
Zu den Erkennungszeichen gehört auch der Kampfschrei, der genauso wichtig
war wie das Wappen und nach den Regeln angewandt wurde. Ähnlich wie
beim Wappen durfte nur der Erstgeborene den Kampf schrei der Familie nut-
zen, während die Nachgeborenen ihren Schrei verändern mussten.158
Von hier an übernahm auch der mittlere und niedere Adel den Gebrauch
von Wappen. Dieser Prozess scheint in Europa etwa gleichzeitig im 12. Jahr-
hundert einzusetzen, obgleich regionale Unterschiede zu verzeichnen sind.
Vor allem die Verbreitung von Wappen unter dem Nieder adel dauerte im
Reich bis zur Mitte des 13. Jahrhunderts.
2.1 Heroldsvorläufer
2.1.1 Ausrufer, Garzüne, Kroijiaere
Die Identifizierung der Personen anhand ihrer Wappen ist eine Fähigkeit, für
die es im Mittelalter einen Spezialisten gab: den Herold. Das Ausrufen von
Personen und Bekanntmachungen war die charakteristische Aufgabe der He-
rolde und stand am Anfang ihrer weiteren Entwicklung.
Zum ersten Mal tritt ein Herold im Chevalier de la Charette des Chrétien de
Troyes als Romani!gur auf. Diese Verserzählung entstand zwischen 1177 und
1181 und bildete den dritten Artusroman des Autors. Der Herold erscheint
dabei erstmals im abschließenden Turnier am Artushof, an dem Lanzelot in-
kognito teilnahm. Sein Ziel war es endlich für die bereits bewiesene Tapferkeit

157 PARISSE, Tournoi; PASTOUREAU, Traité, S. 26-32 und 37-41.
158 Vgl. Pastoureau, Traité, S. 215-218 und siehe unten Kap. 2.1.3. Zahlreiche Beispiele finden
sich gesammelt bei Henri de Buttet: Le Cri d'Armes, in: Mémoires de la Fédération des So-
ciétés Historiques et archéologiques de l'Aisne 20 (1974), S. 118-129. Im deutschsprachigen
Bereich z. B. Holstenland, Vrouwe van Hemmelrike! Rolf Sprandel: Die Rechtfertigung des
Krieges durch die Hofchronisten im spätmittelalterlichen Deutschland, in: Les princes et
l'histoire du XIVe au XVIIIe siècle. Actes du colloque organisé par l'Université de Versailles-
Saint-Quentin et l'Institut Historique Allemand, Paris/Versailles, 13-16 mars 1996, hgg. von
Chantal Grell, Werner Paravicini, Jürgen VOSS, Bonn 1998 (Pariser Historische Studien,
47), S. 123-140, hier S. 126.
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