Moderne Bauformen: Monatshefte für Architektur und Raumkunst — 9.1910

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ARCHITEKT C. F. A. VOYSEY- LONDON
Siegel und Ebenholzuhr

VOYSEYS ARCHITEKTUR-IDYLLEN

Poetisch erscheinen sie ja gewiss von vorn-
herein. Sie dringen tiefer als nur eine Spanne
hinter die Netzhaut. Idyllisch aber im besondern
nenne ich sie, weil die Form, in die Voysey seine
Gedanken und Empfindungen giesst, so sparsam ist,
und doch soviel umfasst, soviel in Eines kondensiert
— ohne dabei irgendwie auf moderne Bedürfnisse
zu verzichten. V

V Als Idyllen erscheinen sie mir auch, weil sie bei
aller Selbständigkeit — gerade wie die Idyllen in
der Poesie, mit der Natur verwandt, gleichsam
aus ihr heraus kristallisiert oder zum mindesten
in engster Weise von ihr beeinflusst sind. Das
Poetische in Voyseys Architekturen nimmt einen
nicht wunder, wenn man seinen Ratschlag kennt,
den er selber den Herren Kollegen Architekten

gibt: „Think of the needs of the spirit more than
the needs of the flesh.“ V

V Aber dabei sind seine Räume vorbildlich prak-
tisch — menschlich geschickt, behäbig — massvoll
richtig und fachlich in allem! V

V Das Empfinden des Engländers für die Ruhe,
sein Suchen nach Ausspannung, sein empfänglicher
Sinn für ein Eigenheim hat Voysey zu dem Schlüsse
geführt, dass Ruhe und Einfachheit die Vollkommen-
heit schon in sich tragen. Und aus diesem Schlüsse
heraus hat er geschaffen, und viel Vollkommenes
erreicht. Ruhe und Heim — Heim und Ruhe sind
dasselbe. „The needs of the spirit“ wird der Wohn-
hausbauer in England gar nicht anders befriedigen

können, als in Voyseys Art; mit Häuschen unter
grossem Dach, stark akzentuierenden Giebeln, ge-
schlossenen Fenstergruppen, behäbiger Lage, nied-
rigem aber breitem Eingang, — im Innern mit einer
geräumigen Halle, die einen Anbau für den Feuer-
platzmit Fenstern,bequemen Stühlen und niedrigerer
Decke enthält, mit Wänden, die starke Ornamente
als leere Phrasen vermeiden und nur Hintergrund
sein wollen •— und mit Möbeln, die nur dem Zwecke,
am Ende dem Bewohner dienen. V

V Der Weg vom Empfinden für die Ruhe bis zu

den fertigen Werkstücken, die diesem Empfinden
und Fragen Antwort geben, ist kein leichter und
wird von dem unter uns besonders schwer zu finden
sein, der sich nach den Weisen der Ueberlieferung
zu richten gewöhnt war. V

V Die Idylle ist wie ein Spiegel, der die Welt des
Seins in einer seltsamen unbewusst ersehnten, selten
gesehenen Weise sammelt, in kleinem Rahmen all
das beisammen, was wir nötig haben, damit wir
uns in unserem eigenen Wesen wohlfühen; sie
stellt das Vollglück in der Beschränkung dar. V

V Sie bindet das Schöne alles und Erfreuende, das

uns im trockenen Scheine der Draussenwelt gar
nicht auffällt — vielleicht gar lästig ist (wie eine
Feldblume im Knopfloch des Frackes) zu einem
Strauss zusammen, bei dessen Anblick wir wieder
zu uns kommen. V

V So erscheinen mir Voyseys Arbeiten. V

PAUL KLOPFER
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