Moderne Bauformen: Monatshefte für Architektur und Raumkunst — 9.1910

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THEODOR HILLER-GÖPPINGEN

Von den tausenderlei Formen, die die Wohnungs-
kunst unserer Tage in die Natur gestellt hat,
muten immer diejenigen allzeit sympathisch an, die
bei allem Sinn für die Anforderungen der Moderne
an Grundrissdisposition und Konstruktionen, den
Respekt vor der umgebenden Natur nicht aus dem
Auge lassen. Diese gross empfundene Raumkunst
ist dann imstande, im Verein mit dem Sinn für die
heimatliche Form Wohnhäuser zu schaffen, die nicht
nur den Fachmann, sondern was kulturell nicht
hoch genug anzuschlagen ist auch den Laien
auf die Baukunst unserer Zeit aufmerksam machen
müssen. V

V Das Biedermeierliche und Allzuheimatschütz-
lerische braucht dabei gar nicht die erste Rolle zu
spielen. Lediglich wie der Giebel in die Luft
schneidet, wie das Dach sich auf das Haus aufsetzt,
wie die Massen sich im ganzen gruppieren, und
wie dieses Ganze aus dem Boden wächst, über die
Mauer ragt, oder durch den weissgestrichenen Holz-
zaun zu uns spricht, lediglich diese grossen Noten
sind es, die wie ganz neue Architekturbegriffe in un-
serer Anschauungswelt Platz greifen und die über-
kommenen Detailbegriffe über das Wesen der Bau-
kunst allmählich verdrängen. V

V Der Architekt ist im Grunde ein „Ordner“ —
das lernen wir aus den modernen Hausbauten.
V Die Arbeiten Theodor Hillers illustrieren das
Gesagte lebhaft. Die Häuser Kolb und Haueisen
betonen vielleicht das landsmannschaftliche Element
mehr als die anderen es tun aber alle muten auf
den ersten Blick modern-wohnlich an; das Haus
Harttmann streift fast ans Liebenswürdige. V
V Die Grundrisse sind durchweg einfach: Im Erd-
geschoss meist 3 grosse Räume und die Küche, oben
dann die Schlaf- und Kinderzimmer. Reichliche
Austritte, Baikone und Loggien, Nebengelasse und
Einbauten sind wie selbstverständlich in die Grund-
risse hineingebracht; nicht mit Raffinement ertüftelt,
aber doch umsichtig-praktisch empfunden. Das

Aeussere entspricht ganz dem Grundriss: Wohn-
häuser müssen eben von vornherein darauf ver-
zichten, weltbewegende Neuheiten oder besondere
Schlager darzustellen; hier kann sich tatsächlich
der Meister nur in der Beschränkung zeigen. Im
Hause Dr. Prassler ist durch das Zwischendach
über dem Gesims des Erdgeschosses vielleicht die
einzige willkürliche Note aus rein ästhetischer
Spekulation durchgeführt, und mit Glück. Im übrigen
werden die sogen. Nebenanlagen zur Bestreitung
der Gesamtwirkung lebhaft in Anspruch genommen:
Die Gartenhäuschen der Häuser Haueisen und
Dr. Beitter, die weissen Zäune auf den hohen
rauhgeputzten Sockelmauern, die Hauseingänge
besonders am Hause Dr. Beitter — und am
Ende die Natur selbst, helfen die Absicht des Archi-
tekten mit erfüllen, dazu kommt noch die Behand-
lung der Hauswände: beim Haus Kolb ist farbiger,
rauher Putz am unteren Hauskörper, am Giebel
aber sind Schindeln verwendet, die Fenster hell
gestrichen, und ein hohes rotes Ziegeldach darauf-
gesetzt; das Haus Hartmann liebt besonders kon-
trastreiche Töne im Putz der Hauswand und am
Zaune, das Haus Dr. Prassler erlaubt sich ausser
dem obengenannten Dachziegelsims noch einen
Fries unter dem Hauptdach, im Hause Haueisen
sehen wir fachwerkartige Giebelbehandlung, in der
Brüstung über dem Wintergarten in Putz gedrückte
starkprofilierte Felderteilung, das Haus Fritz zeigt
eine besondere Putztecknik, und das Haus
Rommel endlich wird mit einem Spaliernetz an
der Walmgiebelwand geschmückt all dies sind
einfach auszuführende Arbeiten, die aber jedem
Hauskörper eine gewisse Individualität: Etwas be-
sonderes, Etwas für sich, verleihen, ohne in Spie-
lereien und Kleinigkeiten auszuarten. Ich glaube,
solche liegen dem Architekten auch gar nicht. Beweis:
seine Turn- und Festhalle in Holzheim. Wie wird
da der Respekt vor der Fläche belohnt! Kl.

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