Moderne Bauformen: Monatshefte für Architektur und Raumkunst — 9.1910

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MODERNE BAUFORMEN'

NEUE HAMBURGER BAUTEN

VON DIPL.-ING. WALTHER PURITZ-HAMBURG

Die alten ehrwürdigen Türme Hamburgs mit der
wunderbaren Patina auf ihren Kupferdächern
und braunen Backsteinen schauen noch unverändert
über die Stadt wie vor hundert und noch mehr
Jahren, doch welche Veränderungen hat es zu ihren
Füssen gegeben. So oft der Nebelschleier von ihren
Häuptern flieht, zeigt sich ihnen ein neues Bild.
V Besonders das letzte Jahrzehnt hat der alten
Hansastadt in baulicher Hinsicht grosse Umwälzungen
gebracht. Mit der Errichtung des Hauptbahnhofes
beginnt für die Baugeschichte Hamburgs ein neuer
Abschnitt, dessen einleitendes Kapitel die Schaffung
neuer bzw. Regulierung alter Verkehrswege im
Innern der Stadt enthält. Durch Niederlegung alter,
eng bebauter Stadtteile wurden Durchbrüche ge-
schaffen, die einen schnellen Verkehr zwischen der
City und den Vorstädten gewährleisten. V

V Als Folgeerscheinung dieser besseren Verkehrs-
wege ist eine wesentliche Ausdehnung des Ge-
schäftszentrums bis zu den Vorstädten hin zu
bezeichnen. Die bei der Neubebauung geforderte
lichtere Bauweise bedingt, falls die Rentabilität des
Grundstückes nicht in Frage gestellt wird, eine
gänzliche Ausscheidung aller zum Wohnen geeigneten
Räume. y

V Es hat sich auf diese Weise in wenigen Jahren
das „Kontorhaus“ als das in der City vorherrschende
Bauwerk entwickelt: im Erdgeschoss Läden oder

Restaurant oder Cafe und darüber in 5 bis 6 Stock-
werken Kontorräume; im Dachgeschoss gewöhnlich
eine kleine Hauswartwohnung. V

V Schlicht und wahr ist der Hamburger Kaufmann
in seinem Geschäftsleben und einfach in seiner
Lebensweise. Es sind daher auch bescheidene An-
sprüche, die er an die äussere Repräsentation seines
Geschäftshauses stellt. Die überwiegende Zahl der
neuen Bauten zeigt eine einfache sachliche Auf-
teilung in Grundriss und Aufbau. Die ästhetische
Wirkung der Baumassen wird meist durch gute
Verhältnisse, unter Vermeidung jeglicher Protzerei,
erreicht. Die Ausbildung des Aeussern und Innern
ist sachlich und gediegen und erfährt nur hin und
wieder eine reichere Formgebung, wenn es sich um
das Haus einer grossen Firma oder Gesellschaft
handelt, die das Haus zum grössten Teil allein benützt.

V Als Beispiel hierfür gilt das von Henry Grell

errichtete Commeterhaus, das im Erdgeschoss eine
Kunsthandlung enthält, während die meisten übrigen
Räumlichkeiten für Ausstellungen von Malereien,
Plastiken und Kunstgewerbe dienen. V

V Als weiteres Beispiel ist das Haus der Nord-
deutschen Versicherungs-Gesellschaft anzusehen,
dessen gesamte äussere und innere Architektur von
Schaudt entworfen ist. Mit der Architektur des
Bismarckdenkmals hat sich Schaudt schon Vorjahren
bei den Hamburgern gut eingeführt und seit der

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