Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 17.1924

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BESPRECHUNGEN. 7g

Hecht hat durch seine biographische Einführung, seine eingehende Analyse der
Hauptschriften (mit reichlichen Literaturangaben auch über Einzelfragen) und vor
allem durch seinen Textabdruck der künftigen Forschung vorgearbeitet, die sich wohl
noch eingehender mit Webb zu beschäftigen haben wird.

Hamburg. Robert Petsch.

Paul Moos, Die deutsche Ästhetik der Gegenwart, Mit besonderer
Berücksichtigung der Musikästhetik. Versuch einer kritischen Darstellung.
Erster Band: Die psychologische Ästhetik. Schuster & Löffler, Berlin und
Leipzig. 484 S.

Eine zusammenfassende historische Darstellung, welche uns die Ästhetik der
letzten Jahrzehnte, soweit sie psychologisch war, einheitlich vor Augen führte, müßte
als ein verdienstliches Werk begrüßt werden. Wir haben heute Abstand genug,
um die ganze an Fechner sich anschließende Bewegung zu übersehen und zu be-
werten. Es wäre kein schlechter Gedanke, die prinzipielle Auseinandersetzung mit
der Elementarpsychologie, die jetzt kommt, mit einer Kritik dessen zu beginnen,
was die Psychologie in der Ästhetik versprochen, und was sie geleistet hat. Nirgends
war ein dankbareres Arbeitsfeld für sie, nirgends hat sie deutlicher versagt.

In dieser Einstellung zur psychologischen Ästhetik als Ganzem stimme ich mit
dem Verfasser des vorliegenden Buches überein. Ins Große gerechnet war die
psychologische Ästhetik ein Irrweg. Mit einer solchen Konstatierung ist aber noch
nicht viel geschehen. Sie ist wertvoll, aber abstrakt. Es gilt nun erstens den Umweg
der psychologischen Ästhetik als historisches Ereignis zu begreifen, und zweitens
dasjenige, was er an dauernden Erkenntnissen immerhin gebracht hat, von dem Ver-
gänglichen und allzu Historischen loszulösen. Die wahre Überwindung der psycho-
logischen Ästhetik wird zwar erst in einer neuen, erkenntnistheoretisch (ich vermeide
das mißverständliche Wort metaphysisch) begründeten Ästhetik liegen. Aber auch
schon eine Darstellung der psychologischen Ästhetik der Gegenwart als eines histo-
rischen Ganzen könnte etwas von »Überwindung« mit sich führen. Von diesem
Hauch spüren wir in dem vorliegenden Buche nichts. Moos will nicht eine ge-
schichtliche Darstellung, sondern ein kritisches Sammelreferat geben. Er spricht als
»Vertreter eines Prinzips«. Für so wertvoll ich nun auch dieses Prinzip halte — ich
kann mich nicht von der Zweckmäßigkeit einer Art von Darstellung überzeugen, die
lediglich ein Prinzip gegen eine historische Realität ausspielt. Gibt man eine syste-
matische Untersuchung, stellt man Prinzip gegen Prinzip, so ist die Zeitlosigkeit
der Einstellung notwendig und berechtigt. Moos nimmt aber die psychologische
Ästhetik nicht prinzipiell, sondern faßt sie nur als eine historische Welle. Seine
Kritik erhält daher etwas Unfruchtbares; denn es ist selbstverständlich, daß das Er-
gebnis ein negatives sein muß, wenn ich die psychologische Ästhetik vom Standpunkt
des konkreten Idealismus betrachte. Damit erfahren wir nichts Neues, während eine
prinzipielle Auseinandersetzung zwischen den beiden Standpunkten immerhin zur
Klärung unserer Vorstellungen beitragen kann, und eine sorgfältige historische Dar-
stellung stets den Wert eines in sich ruhenden Ganzen behält. Es ist zu bedauern,
daß Moos sein feines Verständnis für ästhetische Dinge und seinen außerordent-
lichen Fleiß nicht wirklich bloß zur Ausmalung eines »Gesamtbildes der deutschen
Ästhetik der Gegenwart«, losgelöst von der Kritik von einem ihr fremden Gesichts-
punkt aus verwendet hat. Hätte er sich als Historiker in diesen Gegenstand versenkt,
so wären die Konturen andere geworden. Statt dessen sind alle Umrisse durch
das »Prinzip« verzogen, die Auswahl der Gedanken vor allem auf die Schwächen
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