Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 1.1906

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120 BESPRECHUNGEN.

und die normative Grundlegung der Ästhetik unterschätzen zu wollen;
besonders in den letzten tritt uns an Volkelt selbst eine »tiefblickende, großdenkende«
Art entgegen, die bei aller besonnenen Vorsicht und Umsicht einen selbständigen
und eigenpersönlichen Charakter zeigt und gegenüber so manchen einseitigen, wir-
ren, zersplitternden und faseligen Tendenzbestrebungen im gärenden ästhetischen
Kleingetriebe der Gegenwart geradezu nottut. Gewiß, wenn man im einzelnen
seiner Analyse folgt, sich von ihm immer weiter, bis in die subtilsten Einteilungen,
Nuancen und Finessen führen läßt, wird man auch immer mehr mit kritischen Er-
wägungen kommen können, z. B. daß manches Einzelne auch ebensogut unter einen
anderen Gesichtspunkt gerückt werden könnte, ferner daß die Freude am Einteilen,
Abzweigen und Abspalten von Nuancen individual-psychologischer Tatsachen den
Verfasser dazu bringt, auch Klassifizierungen von untergeordneter Bedeutung aufzu-
stellen, denen gegenüber eine summarische Behandlung wohl nicht minder berech-
tigt wäre, zumal zuletzt oft die Tatsachen bei der allzu feinen Absonderung schließ-
lich doch wieder ineinander zusammenlaufen müssen — immer jedoch muß man
zugeben und anerkennen, daß eine jede Nuance, die Volkelt aufzeigt, sich inner-
lich auch als solche nachfühlen läßt, daß eine jede Sonderetikette, die er schreibt,
auch ihren spezifischen tatsächlichen Inhalt hinter sich hat und somit auch seine
weitestgehende Teilung niemals in bloß äußerliche, formale und hohle Einteilerei
verfällt.

Und auf einen weiteren, nach Ansicht des Referenten sehr wesentlichen Vorzug
des Werkes sei von Anfang an aufmerksam gemacht: auf die stete Beziehung zur
ästhetischen Praxis, zur Kunst selbst. Wenn bereits in den vorhergegangenen wissen-
schaftlichen Arbeiten Volkelts eine reiche Erfahrung künstlerischen Erlebens zu be-
merken war, so finden wir auch in diesem Buche wiederum eine Fülle von Beob-
achtungen verwertet, die der Verfasser auf allen Gebieten der höheren Künste sam-
melte, bis in die modernste Malerei und Plastik, und nicht minder in Dramatik
und Literatur dringt er ein. Diese umfassende Kennerschaft, die unwillkürlich an
F. Th. Vischer erinnert, verhindert ein trockenes »System« vom »grünen« Tische aus
und eine einseitige Normierung, sie befähigt den Verfasser in seltener Weise, nach
jeder Richtung hin Anschauung zu gewinnen und diese vor allem auch theoretisch
zu verwerten. Überall ist der eigentliche Text von Beispielen belebt, die uns er-
möglichen, der abstrakten Theorie durch Nacherleben einen innerlichen Tatsachen-
boden zu verschaffen. Das solide Fundament dieses Buches, auf das besonders hin-
gewiesen werden muß, beruht somit auf »Studien« in der umfassendsten Bedeutung
des Wortes, nicht nur auf solchen der theoretisch-wissenschaftlichen Literatur, sondern
in gleichem Maße auf den Daten, welche die lebendige Kunst selbst gibt. Daher
hoffe ich, daß es trotz seines Umfanges und der mitunter diffizilen Abstraktion, die
vor allem der zweite Abschnitt enthält, auch für den Kunsthistoriker und den Laien
von Wert sein wird — sofern für ersteren die Kunst und deren Wissenschaft nicht
lediglich Objekt des »kritischen« oder »philologischen Untersuchens« ist, sondern des
»künstlerischen Betrachtens« selbst, das, wie Verfasser in diesem Falle des näheren
ausführt, durch »gelehrte Neigungen« — auch beim Publikum — nur eine »Störung«
erfährt.

Und von diesem kunsterfüllten und kunstfreudigen Standpunkte aus wird es auch
verständlich, wenn Volkelt, unter theoretischem Hinweis auf Lichtwark und unter
praktischem auf Vischer, den Satz vertritt: »Der (in gutem Sinne verstandene) Di-
lettantismus in irgend einer Kunst ist für den Ästhetiker von unschätzbarem
Wert.«

Indem ersten Abschnitte, der methodischen Grundlegung der Ästhetik,
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