Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 1.1906

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BESPRECHUNGEN. 151

zuheben, die sie in der Schätzung großer Volkskreise jetzt einnimmt«. »Die Kultur
des poetischen Genusses ist vielleicht der wichtigste Teil der künstlerischen Er-
ziehung; denn die Gabe poetisch zu empfinden, ist nächst der musikalischen Emp-
fänglichkeit der verbreitetste ästhetische Sinn.« »Die Jugendschrift in dichteri-
scher Form muß ein Kunstwerk sein. Literarische Kunstwerke gehören aber
der allgemeinen Literatur an, und so würde die spezifische Jugendliteratur keine
Existenzberechtigung besitzen.« Als Motto hat sich daher der Verfasser das para-
doxe Wort Theodor Storms gewählt: »Wenn du für die Jugend schreiben willst, so
darfst du nicht für die Jugend schreiben.« Sache der Pädagogen ist es, aus den
vorhandenen Schätzen das Passende zu wählen.

Daß die spezifische Jugendlektüre, soweit sie in dichterischer Form auftritt, im
allgemeinen den Anforderungen, die an ein literarisches Kunstwerk gestellt werden
müssen, nicht entspricht, weist der Verfasser auf 109 Seiten eingehend nach. Von
den Pseudodichtern, deren Mache enthüllt wird, seien hier nur herausgegriffen:
Christoph von Schmid, W. O. von Hörn, Oskar Höcker, C. Tanera, S. Wörishöffer,
Hans von Zobeltitz, Angelika von Lagerström, Klementine Helm, Emmy von Rho-
den. Karl May und Thekla von Gumpert werden besonders sorgfältig auf eine
etwa bei ihnen vorhandene dichterische Wahrhaftigkeit hin durchleuchtet. Das Re-
sultat ist niederschmetternd. Und was ist auf Grund der Betrachtung dieser unge-
heuren Anhäufung künstlerischer Minderwertigkeit die Aufgabe? »Es handelt sich
darum, aus dem Schatze unserer Nationalliteratur und der Weltliteratur dasjenige
auszuwählen, das geeignet ist, die Jugend im Ablauf ihrer Entwickelung zum wahl-
freien und unbeschränkten Genuß dieses gesamten Schatzes zu führen.« Bei der
Aufstellung von Grundsätzen für die Auswahl der Stoffe sieht der Verfasser von
einem festen Kanon ab. Zwei Anhaltspunkte gibt er jedoch: »die biographischen
Auslassungen über Jugendlektüre und die Beobachtungen sorgsamer und literarisch
gebildeter Eltern und Lehrer an ihren Kindern und Schülern.«

Eine Stelle will ich noch herausgreifen, an der eine Parallele mit anderen Kunst-
gebieten gezogen wird. »Es fällt keinem ein, zu sagen: Das Lied, das unsere Kinder
hören, oder das Bild, das sie sehen, muß eine belehrende und veredelnde Tendenz
haben. Es ist allen fraglos, daß Lied und Bild ergötzen sollen. . . . Steht denn nun
die Dichtkunst anders? Die Sache ist dadurch so gründlich verfahren, daß wir uns
gewöhnt haben, das Wort vorzugsweise als das Mittel der Belehrung und Ermahnung
anzusehen. Dieser einseitigen Auffassung vom Zweck des Wortes sind namentlich
die Lehrer zugänglich.« Nicht viel anders ist es beim Geistlichen. Dies erklärt die
unkünstlerische Auffassung der Jugendschrift in diesen Kreisen. Die Verwirklichung
des Gedankens der künstlerischen Erziehung wird unter solchen Umständen noch
lange auf sich warten lassen. Das Kind hat ja zunächst nur Freude an den Stoffen.
»Daraus soll das ästhetische Interesse, das vornehmlich die Freude an der Form ist,
durch Erziehung entwickelt werden.« Das ist ebenso richtig, wie wenn der Ver-
fasser sagt, daß die ästhetische Freude auch die Freude an der Wahrheit und Wesen-
heit der Dinge sei, und daß auf die natürliche Sensationslust und Stoffgier der
Kinder berechnete, phrasenhafte und von psychologischen Unmöglichkeiten wim-
melnde Schriften den Sinn für Wahrhaftigkeit abstumpfen müssen.

Die Auslassungen über die religiöse und politische Tendenz insbesondere haben
dem Verfasser Angriffe eingetragen; das ist ja nicht weiter verwunderlich. Aber
ebenso selbstverständlich ist, daß der Verfasser als Pädagog nichts gegen eine
solche Tendenz überhaupt einzuwenden hat. Er bekämpft nur den Unfug, solche
Stoffe in unangemessener Darstellung zu bieten. Ein schlechtes Buch gehört nicht
auf den Kindertisch, und durch frömmelnden oder chauvinistischen Inhalt erwirbt es
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