Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 1.1906

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BESPRECHUNGEN. 270

rhythmus arbeitet mit einfachen Proportionen: 1:1, 2:1, 3:1 u. s. f. Die soge-
nannte rhythmische Prosa, die zwar rhythmische Wirkungen anstrebt, aber nicht
wie Verse klingen will, stellt sich in diesem Hauptpunkte zum -ungeordneten«
Rhythmus.

Mit jenen rationalen Zeitverhältnissen ist tatsächlich immer gegeben: die wahr-
nehmbare Wiederkehr gleicher Abschnitte von kurzer, sinnlich meßbarer Dauer, die
sogenannte Taktgliederung. Also: der Vers ist taktierte Rede.

Manche Forscher wollten dies nur für den gesungenen oder orchestisch beglei-
teten Vers gelten lassen. Der für die Rezitation bestimmte Vers, der reine >Sprech-
vers« habe keine rationalen Zeitverhältnisse, keine Takte. Damit trennt man den
Sprechvers in der entscheidenden psychophysischen Eigenschaft vom Liedverse und
stellt ihn auf die Seite der Prosa. Denn die Prosa hat eben Rhythmus ohne ratio-
nale Verhältnisse, ohne Takt.

Es ist nicht gelungen, von diesem Standpunkte aus das Wesen des Verses,
seinen Unterschied von der Prosa befriedigend zu bestimmen. Der Sprechvers, so
hieß es, sei eine ^Annäherung« an die rationale metrische Form. Damit ist nichts
gewonnen. Annäherungen an den metrisch geordneten Rhythmus zeigt die Prosa
auf Schritt und Tritt, und doch gibt es für das Gefühl eine Grenze zwischen dem
Prosarhythmus einerseits, dem Rhythmus der Verse, gesungen oder gesprochen,
anderseits: sobald gleiche Takte und damit überhaupt die einfachen Zeitverhältnisse
zur Empfindung kommen, ist der Eindruck des Versmäßigen da. Der Vortrag irgend
einer Zeitungsannonce kann das zeigen. Auch Wundt, der die Lehre vom »Sprech-
vers«: übernommen hat, gelangt zu keiner brauchbaren Abgrenzung. Er sagt
(Physiol. Psychol. r', 3, 156) von der rhythmischen Form des Sprechverses: »ihr
Unterschied von der gewöhnlichen Sprache besteht nun nicht mehr darin, daß sie
bestimmten metrischen Gesetzen unterworfen ist, sondern vielmehr darin, daß der
durch die Worte und ihre Stellung erzeugte Rhythmus genau der Gefühlsbetonung
der Worte und Gedanken sich anpaßt«. Darauf ist nur zu erwidern: dies gilt auch
für eine gute Prosa; Versmäßiges ist damit noch nicht gefunden. Noch ungreif-
barer sind die Definitionen Scriptures (Elements of exper. phonetics S. 551).

Jene grundsätzliche Trennung zwischen Sprechvers und Liedvers (Tanzvers)
müßte zu widersinnigen Folgerungen führen. Beispielsweise: sobald ein Dichter
- was nicht selten vorkommt — seine eigenen Sprechverse in taktierendem Sing-
sang vorträgt, vergeht er sich gegen das rhythmische Grundgesetz seiner eigenen
Schöpfung. Oder: sobald einmal ein Deklamator einen einzelnen Vers streng tak-
tiert, tritt dieser Vers in ein ganz anderes Lager, das der Liedverse, hinüber.

Die Grundlage jener Sprechverstheorie ist der doppelte Irrtum: Erstens über-
sieht man, daß die objektiven Zeitmaße des Vortrags mit ihren tausend Unregel-
mäßigkeiten in der Vorstellung des Hörenden vereinfacht werden; aus einem
U : 0,8:0,9 hört man ein 1:1:1 heraus u. s. f. Ein Prozeß, den Saran wohl halb
im Scherze -metaphysisch« genannt hat, der aber von elementarer psychologischer
Art ist und in das Kapitel von den ■ Zeittäuschungen« oder der subjektiven Um-
deutung der rhythmischen Vorgänge gehört1). Ohne diese fortwährend tätige Aus-
tilgung der objektiven Ungenauigkeiten gäbe es keinen Genuß rhythmischer Kunst.
Zweitens aber glaubte man, daß diese inkommensurabeln Abweichungen von der
gesetzten Kunstform eine Besonderheit des reinen Sprechverses« seien. In Wirk-

') Saran in den Ergebn. u. Fortschr. der germanist. Wissensch., Leipzig, 1902
S. 167 ff. Meine Auffassung hatte ich dargelegt Über germ. Versbau, Berlin 1894,
Kap. I.
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