Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 1.1906

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282 BESPRECHUNGEN

hinaus in seiner sinnenden Einbildung schweben konnten. So ward der Verfasser
von richtiger Erwägung geleitet, die Grillparzersche Ästhetik in ihrer geschichtlichen
Entfaltung, nicht in künstlich geschaffener Fertigkeit darzustellen.

Der mit »künstlerischer Sinnlichkeit eminent begabte Dichten fühlte sich von
der induktiven Ausdeutung ästhetischer Phänomene, wie sie der in Weimar recht
scheel gewertete Bouterwek zu üben hieß, vor allem angezogen. Die Kantischen
Begriffsbestimmungen des Schönen a priori bargen für Grillparzer anfänglich viel
Verführerisches. Aber weder seinem zum Plastischen strebenden Temperament
noch seiner psychologischen Einsicht wollte andauernd Kants starre Unantastbarkeit
des Schönen behagen. Um es kurz zu formulieren: Er sah im Empfangen künstle-
rischer Eindrücke jene Seelenvorgänge, wie sie Schopenhauer im Verhalten der
ästhetischen Kontemplation begründete. Schön und Klassisch sind ihm Deckbegriffe.
Wie heftig er aus solchen Ansichten gegen alles Romantische kämpfte, wie unge-
recht und voreingenommen er den ^mittelhochdeutschen Unsinn« verwarf, steht in
den Erinnerungsblättern seines Lebens, die er selber schrieb. Trotzdem begegnet
er sich bei der letzten Erklärung ästhetischer Freuden in der von Bouterwek beein-
flußten Ausmalung assoziativer Höhenempfindungen innig mit jenen Schellingischen
Ideen, die Denkwerk, Kunstwerk und Gotteswerk im Menschen verknüpft wähnen
durch die tcopula«, die Schöpfer ist und Geschaffenes, Keimweckendes und Ge-
formtes, alles in mystisch erträumter Einheitlichkeit. Doch Grillparzers Ästhetik
erwuchs der ganzen Richtung seines Geistes nach aus dramaturgischen Absichten,
in kontrastierenden Handlungen und Geschehnissen die Welt erfassend. So mochte
er sich nicht Genüge tun in abstrakten Formeln für kosmisches Werden und Be-
stehen. Die Welt allein für wahr haltend, die sich aus dem Menschschöpfer selbst
erzeugt, nimmt er Fechnersche Rezeptionsideen der Ästhetik voraus, verwirft er
Hegels Theorie vom Geschichtsdrama, das nachdrücklich auf pragmatische Wahrheit
ausgeht, verteidigt er das Willkürrecht des Dichters, auch im geschichtlichen Stück
die Spieler des Poeten Inneres allein spiegeln zu lassen. Dieses ganz persönliche
Erraffen der Wirklichkeit bewog ihn dann auch, nur das heroische Trauerspiel
dulden zu wollen, während er das bürgerliche als minderwertig betrachtete.

Berlin. . Max Hochdorf.

Hugo Dinger, Dramaturgie als Wissenschaft, 2 Bde. Bd. I: Die Dramaturgie
als theoretische Wissenschaft, 326 S. Bd. II: Die dramatische Kunst im System
der Künste, 302 S. Verlag von Veit u. Komp., Leipzig 1904 u. 1905.
Der Verfasser will die Dramaturgie als eigenen Zweig der Ästhetik rechtfertigen
und ihren Anspruch auf eine selbständige wissenschaftliche Behandlung. Gelänge
es ihm, die Dramatik als unabhängige Kunst im System aller Künste zu finden, dann
müßte solch Ergebnis die Notwendigkeit einer Dramaturgie als Sonderwissenschaft
zur Folge haben. Während der erste Band aphoristisch und andeutend die Argu-
mente bringt, die im stände sind, eine Eigenexistenz der Dramatik zu erweisen, ist
der ganze zweite dem Gegenstande vorbehalten: Aristoteles verschulde den bis zur
Gegenwart fortdauernden Irrtum, daß Dramatik nur der Dichtkunst überhaupt
untergeordnet sei. Die Ästhetik der Aufklärung, der nachkantischen Zeit, der
neueren Literaturgeschichte habe nicht anders gedacht. Dem sei entgegenzu-
treten. Die Dichtkunst arbeite mit all ihren Darstellungsmitteln allein auf dem
Gebiete des Zeitlichen, und ein Überschreiten dieser Wirkungsgrenzen, etwa ins
Räumliche, sei ihr unmöglich, wofern sie nicht den Kern ihres Wesens ver-
wunden will. Dagegen zeigt ein Blick auf das Wirkungsfeld der Dramatik, wie sie
heraustritt aus dem engen Gebiete, wie sie Sinne anspricht, an die Poesie nicht
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