Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 1.1906

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298 KARL GROOS.

darüber besitzt, wie die Menschen in Wirklichkeit genießend auf ästhe-
tische Objekte reagieren; diese Wirklichkeit wird er vor allem einmal
in ihrer ganzen Vielgestaltigkeit erfassen müssen, einerlei ob die Formen
des Genießens, die er vorfindet, nach seiner Meinung als »eigentlich«
ästhetische Freuden zu bezeichnen sind oder nicht. Nur so wird er
die Beschaffenheit des seelischen Arbeitsfeldes genügend kennen ler-
nen, das er der Kultur unterwerfen möchte.

Die Mannigfaltigkeit der Formen, die der Natur- und Kunstgenuß
anzunehmen vermag, ist nun sicher sehr beträchtlich, ja geradezu ver-
wirrend. In solchen Fällen greift man, um die Verwandlung des
Chaos in einen Kosmos anzubahnen, gern zu einem Denkmittel, das
für die ganze Geschichte der menschlichen Geistesentwickelung von
einschneidendster Bedeutung ist, zu dem methodischen Mittel der Anti-
these, durch deren Macht das Verschiedenartige in Gegensätze aus-
einandertritt und so seine erste Gliederung erhält. Mit der Sonderung
von Licht und Finsternis setzt die Weltschöpfung ein, und bei dem
Eintritt in die Ewigkeit scheidet das Jüngste Gericht die Auferstehen-
den in Gute und Böse. Das ordnende Denken arbeitet manichäisch.
Nicht sein Abschluß, aber sein Ausgang und erster Griff ist die Ent-
gegensetzung. — Dieses Denkmittel für eine erste Orientierung über
das Arbeitsfeld des ästhetischen Erziehers anzuwenden ist der Zweck
meiner kurzen Bemerkungen. Die Antithese, der gerade hier das Amt
einer vorläufigen Gliederung des Mannigfaltigen anheimfallen muß, ist
leicht zu bestimmen. Es soll untersucht werden, wie sich der ästhe-
tisch Ungebildete und der ästhetisch Hochgebildete in ihrem
Verhalten unterscheiden. Um beides durch kürzere Ausdrücke zu be-
zeichnen, sage ich: der »Naive« und der »Kenner«1). Die Frage,
auf welche Arten des Genießens die ästhetische Erziehung hinzu-
arbeiten habe, suche ich hier nicht durch tieferdringende philosophi-
sche Wertentscheidungen zu beantworten, sondern ich setze die Gel-
tung zweier Forderungen einfach voraus: der allgemeinen, daß der
Nation der ganze Umfang der Genüsse, die aus der Betrachtung der
Kunst und der Natur geschöpft werden können, zu erschließen sei,
und der spezielleren, wonach dasjenige ästhetische Verhalten, welches
den Absichten des Künstlers am vollständigsten entspricht, erlernt
werden müsse. Da der Künstler zugleich Kenner ist, könnte man aus
der zweiten Forderung folgern, es sei ihm ausschließlich um die
kennerhafte Würdigung seines Werkes zu tun und die Erziehung
dürfe daher nur diese ins Auge fassen. Das trifft aber sicher nicht

') Vgl. meine Ausführungen in der von Maurice Rousselot veranstalteten Umfrage
über die künstlerische Erziehung (La Plume, 1903).
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