Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 1.1906

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ZUM PROBLEM DER ÄSTHETISCHEN ERZIEHUNG. 311

gezogen werden darf, die uns in der älteren deutschen Kunst oder
bei einem Albert Welti so gemütvoll und in der italienischen Früh-
renaissance so anmutig entgegentritt. Und man wird auch einsehen,
daß selbst die Meister der höchsten Formkunst zugleich als Schilderer
von Begebenheiten genossen sein wollen, wenn man ihnen ganz ge-
recht werden soll. Wer weiß, welchen Betrachter der Sixtinischen
Madonna Raffael vorziehen würde, den Kenner, der mit dem feinen
Verständnis eines Brunn den wundervoll verschlungenen Beziehungen
der Raumkomposition nachspürt, um darüber alles andere zu ver-
gessen, oder den Naiven, der von alledem nichts weiß (obwohl es
auch ihn frei und wohlig atmen macht), während seine ganze Seele
die Offenbarung einer himmlischen Erscheinung erlebt? Oder was
sollen wir zu dem Musikverständigen sagen, der wieder einmal den
zweiten Akt des Fidelio hört und über der Würdigung der rein for-
malen Meisterschaft die naive Einstellung nicht mehr finden kann,
die von dem erhabenen Schauspiel der Treue im Innersten erschüttert
wird? Hat er wirklich mehr gewonnen als er verloren hat? Ich glaube
fast, er hat mehr verloren. Darum wird unsere Forderung aufrecht
erhalten werden müssen, »daß der Naive den Genuß der Form zu
erlernen habe, aber darüber den des Inhalts nicht verlieren dürfe«.

Und noch eine letzte Bemerkung zu dieser Frage. Die Kunst bil-
det ein Glied in dem gewaltigen Organismus, den wir das Bewußt-
sein der Kulturmenschheit nennen. Wenn die Kunst den lebendigen
Zusammenhang mit den anderen Kulturrichtungen bewahren will, so
muß sie sich irgendwie auf sie beziehen. Das kann sie, soviel ich
sehe, nur dadurch, daß sie sich in ihrer Weise der großen »Stoffe«
bemächtigt, mit denen es der um Erkenntnis, um sittliche, um religiöse
Güter ringende Menschengeist zu tun hat. Für den extrem und iso-
liert »artistischen« Standpunkt mag es gleichgültig sein, ob der Stoff
des Malers ein Stilleben ist oder das höchste religiöse Ideal seiner Zeit
in sich einschließt. Wer die Kunst als Kulturfaktor in das Gesamtleben
des weiterstrebenden Menschentums einreiht, wird so nicht urteilen
können. Und ein Künstler, der zugleich ein großer Mensch ist, wird
es ebensowenig vermögen, sondern es wird ihn drängen, in seiner
Sprache von dem zu reden, was die Zeit in der Tiefe bewegt. Wenn
dem so ist, dann wird es auch für den ästhetisch Genießenden gelten,
daß ihm die Wirkung des Stofflichen über der Schätzung der Form
nicht verloren gehen darf; denn nur so kann die Kunst ihre höchste
Kulturmission an ihm erfüllen.
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