Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 1.1906

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INDIVIDUALISMUS UND ÄSTHETIK. 313

werden. Alle Kopien, alle Wiederholungen machen aus dem einen
Kunstwerk nicht ein zweites, es bleibt immer nur dies oder jenes be-
stimmte eine Werk.

Es ist wichtig zu begreifen, daß dieser Individualismus des Anders-
seins eine ästhetische Forderung ist, aufgebracht, um ästhetischen An-
sprüchen eines Geistes zu genügen, der die Welt nur anschauen will,
der sein Glück findet in den intuitiven Prozessen des Trennens und
Verbindens, wodurch unserem Bewußtsein Dinge, Gestalten, Gebilde,
Individua werden. Es ist ein Kombinieren von den verschiedensten
Vorstellungselementen, des Auges, Ohres, der tastenden Hand, des
Geruchs zu einem sich im Raum bewegenden, in seinem Zusammen-
hang von anderen deutlich unterschiedenen Wesen, das beim Wieder-
auftauchen gewisser Teile seines Zusammenhangs doch als dies oder
jenes bestimmte Wesen wiedererkannt wird. Jeder weiß, daß in diesem
Reiz der bloßen Auffassung eines noch nicht vorher Gesehenen eine
starke Spannung der Aufmerksamkeit enthalten ist, und daß ein Gefühl
der Tätigkeit sich einstellen kann, das unter schwierigen Momenten
bis zur Anstrengung sich steigert. Diese Aktivität läßt aber nach,
je öfter sich der gleiche Auffassungsprozeß wiederholt, je bekannter
das Objekt wird. Bei mehreren Exemplaren der gleichen Erscheinung
tritt nur einmal der eigentliche Genuß dieses Neuerlebens ein, im
zweiten Fall wird schon bloß wiedererkannt. Der Reiz der Neuheit,
der die größte Rolle bei allem ästhetischen Genießen spielt, entwertet
jede Erscheinung, die eine andere nur wiederholt, gegenüber dem
Original, das allein etwas Besonderes, Individuelles ist. An die Men-
schen die Forderung des Individualismus stellen, drückt den Wunsch
aus, die größte Mannigfaltigkeit und Fülle der Erscheinungen zu haben,
um für die ästhetischen Bedürfnisse des reinen Betrachtens, Erfassens
der Dinge möglichst viele und unerschöpfliche Reize zu finden.

Es setzt dies ein völliges Außerhalbstehen, ein Nichtverflochtensein
mit Dingen und Menschen voraus, wo man gemächlich dem Welt-
geschehen zusieht, Zeit und Ruhe hat und sich mit nichts einläßt,
was dieses Schauen stören könnte. Es ist der reinste Zuschauerstand-
punkt, etwa der des römischen Publikums, das, von den Bestien in der
Arena durch sichere Schranken getrennt, vor unliebsamer Berührung
gesichert ist. Die höchste Interesselosigkeit, wie sie dem Kunstwerk
gegenüber verlangt wird, auch hier. Kein praktisches Bedürfnis ver-
langt, daß Dinge oder Menschen so oder nicht so seien, man wartet
ab und sieht zu; nur neu, nur interessant müssen sie sein. Der status
aestheticus in höchster Potenz, eine Ansicht jenseits von Gut und
Böse. Im praktischen, handelnden Leben, wo zu bestimmten Zwecken
bestimmte Leistungen gefordert werden, kann der Wert einer Persön-

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