Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 1.1906

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ÜBER DEN GESCHMACK. 325

ist von ihm vollkommen begriffen, und er weiß so gut, worin sie be-
steht, wie er weiß, wie sie auf ihn wirkt.

2. Von den Gegenständen des inneren Geschmacks gilt in gleicher
Weise wie von denen des äußeren Geschmackssinnes: sie sind ent-
weder schön oder unangenehm oder indifferent; jedoch in der Schön-
heit gibt es eine große Verschiedenheit in der Art sowohl wie im
Grade. Die Schönheit einer Beweisführung, eines Gedichtes, eines
Palastes, eines Musikstückes, eines schönen Weibes und vieles mehr,
was noch genannt werden könnte, sind verschiedene Arten von Schön-
heit; aber zu ihrer Unterscheidung haben wir nur die Bezeichnungen
der verschiedenen Objekte, zu denen sie gehören.

Wenn es eine solche Verschiedenheit in den Arten der Schönheit
sowohl wie in den Graden gibt, so brauchen wir uns nicht darüber
zu wundern, daß die Philosophen zu verschiedenen Systemen gekom-
men sind, indem sie diese Mannigfaltigkeit analysierten und die ein-
fachen Bestandteile des Schönen aufzählten. Sie haben viele richtige
Beobachtungen über diesen Gegenstand gemacht; das Streben nach
Einfachheit hat sie jedoch verleitet, das Schöne auf weniger Prinzipien
zurückzuführen, als die Natur der Sache gestattet; sie hatten dabei
einige besondere Arten der Schönheit im Auge gehabt, andere aber
übersehen 6). Es gibt moralische Schönheiten so gut wie Schönheiten
der Natur; Schönheiten in den Objekten der sinnlichen Wahrnehmung
und in denen des Verstandes; Schönheiten in den Werken der Men-
schen und in den Werken Gottes; in unbelebten Dingen, in unver-
nünftigen Tieren und in vernünftigen Wesen; in der Beschaffenheit
des menschlichen Körpers und in der Beschaffenheit des menschlichen
Geistes. Es gibt keine irgendwie hervorragende reale Eigenschaft, die
n'cht, von dem richtigen Gesichtspunkt aus betrachtet, für ein auf-
merksames Auge ihre Schönheit hat, und es ist ebenso schwer, die
Bestandteile der Schönheit aufzuzählen, wie die Bestandteile der realen
Eigenschaft, durch die der Gegenstand sich auszeichnet.

3. Den Geschmack des Gaumens kann man als den richtigsten
und vollendetsten ansehen, wenn wir die Dinge genießen, die sich
zur körperlichen Ernährung eignen, und Widerwillen empfinden gegen
E>inge entgegengesetzter Beschaffenheit. Die Absicht der Natur, die
uns diesen Sinn verlieh, war offenbar die, uns die Möglichkeit zu geben,
das, was sich als Speise und Trank für uns eignet, von dem nicht
Geeigneten zu unterscheiden. Die unvernünftigen Tiere werden bei
der Wahl ihrer Nahrung bloß durch diesen Sinn geleitet; und sie
irren selten, es sei denn, daß sie vom Hunger gequält oder durch
künstliche Zusammensetzungen irregeführt werden. Bei Kindern ist der
Geschmack ebenfalls gewöhnlich gesund und unverdorben, und von den
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