Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 1.1906

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412 HUGO SPITZER.

alle Kunstgenüsse und alle Arten des Wohlgefallens am Schönen über-
haupt ein einziger Affekt sind, aufs heftigste sträuben, zumal die ver-
schiedenen ästhetischen Gefühle schlechterdings nichts Gemeinsames
verbindet als die Unmittelbarkeit der emotionalen Eindrücke und die
Abwesenheit praktischer Interessen bei demjenigen, welcher die Ein-
drücke empfängt. Die Affekte aber sind in der überwiegenden Mehr-
zahl bezüglich ihrer definierbaren Basis in festere, engere Grenzen
eingeschlossen. Teils sind es ganz bestimmte Objekte, deren Vor-
stellung die Voraussetzung der Gemütsbewegung bildet; teils hängt
die Natur des Affektes von bestimmten zeitlichen und sonstigen Be-
ziehungen des Gegenstandes der affekterregenden Idee ab. Ein sym-
pathisches Gefühl angenehmer Art kann sich nicht einstellen, wenn
nicht ein anderes lebendes, empfindungbegabtes Wesen da ist, dessen
Lustgefühle zu jener Emotion in der teilnehmenden, mitempfindenden
Seele Anlaß geben; Hoffnung kann sich nicht ganz auf Vergangenes
richten (— auch wenn man hofft, daß etwas Erwünschtes bereits ein-
getreten sei, hat der Affekt die noch nicht erlangte, also zukünftige
Gewißheit zur Grundlage —), die Befriedigung der Eitelkeit nicht
Dinge betreffen, denen jeder persönliche Zusammenhang mit dem
Eitlen fehlt. Dagegen kann die poetische Ausmalung eines künftigen
Zustandes von gleicher Schönheit sein, also eine gleich starke ästhe-
tische Wirkung haben wie irgend ein Bild aus der Gegenwart oder
eine Schilderung von Ereignissen längst entschwundener Zeiten, und
mag auch der höhere ästhetische Naturgenuß nie ohne Einfühlung,
ohne dunkle Personifikation der leblosen Objekte zu stände kommen,
so werden doch nach der hier zu Grunde gelegten Definition ästhe-
tische Elementargefühle sicherlich durch den bloßen optischen Ein-
druck von Naturgegenständen, der nicht die leiseste Idee von Beseelt-
heit oder Lebendigkeit in sich schließt, und durch Arabesken, Zie-
raten, glänzende, farbige Schmuckstücke bei ebensolcher rein sinnlicher
und anthropomorphismenfreier Auffassung geweckt, während auf der
anderen Seite von der Darstellung menschlichen Seelenlebens, wenn
sich diese Darstellung mit anschaulichen Bildern verbindet, die mäch-
tigsten künstlerischen Effekte ausgehen. Mit einem Worte: die Vor-
aussetzungen der ästhetischen Gefühle erscheinen unvergleichlich
weniger bestimmt, als bei den meisten sogenannten Gemütsbewe-
gungen der Fall ist.

Allein das Gefühl der Freude, das man, zum mindesten in seinen
höheren Intensitätsgraden, von jeher ohne Widerspruch zu den Affekten
gerechnet hat, steht, was die Mannigfaltigkeit seiner Anlässe betrifft,
mit der ästhetischen Lust auf einer Stufe. Man freut sich bei dem
Gedanken an einen Gewinn, der in sicherer Aussicht steht, nicht
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