Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 1.1906

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BESPRECHUNGEN. 437

zum Affekt auf, so wirkt er infolgedessen nicht als Witz. Aus dem gleichen Grunde
lacht nur der Witzhörer, dem die Überwindung der Hemmung geschenkt wird, nicht
der Witzerfinder, der zur Herstellung des Gedankens schon den zu ersparenden
Aufwand verbraucht, so daß zunächst keine Abfuhr stattfinden kann. Darum drängt
es auch den Witzerfinder zur Mitteilung seines Produktes, damit er par ricochet zum
Lachen gelangt. Der Verhinderung neuer Mehrbesetzung nun dienen auch eine
Reihe von Hilfstechniken des Witzes. Seine Kürze und leichte Verständlichkeit
sollen der psychischen Arbeit wenig Handhaben bieten, seine Überraschungen, Ab-
surditäten, Auslassungen, die »logischen Fassaden«, hinter denen sich oft der Un-
sinn versteckt, sollen die Aufmerksamkeit von der entscheidenden Stelle abziehen.
So lachen wir meist, ohne recht zu wissen, worüber, und die Abfuhr der befreiten
Hemmungsbesetzung vollzieht sich durch Überrumpelung. An dieser Stelle macht
sich gelegentlich der Verfasser bereits selbst den entscheidenden Einwand. Indem
diese Mittel die Aufmerksamkeit abziehen, fesseln sie sie. Sie schaffen genau die
Situation, die sie vermeiden sollen, geben der durch Ersparnis freiwerdenden Kraft
Gelegenheit zu neuer Besetzung. Das Unzureichende dieser Erklärung ist aber für
das ganze Ersparnisprinzip um so unheilvoller, als nur mittels dieser Hilfstechniken
die negativen Instanzen zu erklären sind, die der oben dargestellten »Technik des
Witzes« entgegenstehen. Warum gibt es zahllose Unifizierungen, Gleichnisse, Aus-
lassungen, Denkfehler, die nicht witzig, ja nicht einmal scherzhaft, überhaupt in
keiner Weise lächerlich sind? Der Verfasser kann sich nur durch die Deutung
helfen: Darum, weil ihnen besondere Veranstaltungen für das wirkliche Stattfinden
der Abfuhr fehlen. Und nun zeigt es sich, daß die Veranstaltungen, an die er
denkt, eher geeignet sind, die Abfuhr zu verhindern.

Beziehungen des Witzes zum Unbewußten stellt Verfasser her auf Grund der
Untersuchung, die sein Werk über »Traumdeutung« geboten hatte. Dem »mani-
festen Traum« liegen stets sinnvolle, latente »Traumgedanken« zu Grunde, die einen
»Tagesrest« der Arbeit des wachen Geisteslebens bilden. Ein Wunsch, der den
Kern jedes Traumes bildet, zieht sie ins Unbewußte hinab und bildet sie um. Das
Ergebnis dieser Bearbeitung, der manifeste Traum, zeigt durchgehende Verwandt-
schaft mit den Eigentümlichkeiten des Witzes. Wir beobachten Verdichtungen, ver-
anlaßt durch das Gemeinsame verschiedener Traumgedanken, ja sogar Wort-
mischungen (Autodidasker aus Autodidakt und Lasker), die denen des Wortwitzes
gleichen; selbst an Benutzungen des Doppelsinns fehlt es nicht. Die Verkürzung
des Traumes, sein skizzenhafter Charakter gehören auch hierher. Wir haben Ver-
schiebungen wie beim Witz, was in den Traumgedanken peripher war, wird im
manifesten Traum zentral, anderseits wird anstößigen Momenten mit Hilfe von
Symbolik ausgewichen. Wir erkennen die Benutzung von Unsinn und Widersinn,
die dem Traum die Kritik einer Absurdität ersetzen, und die Darstellung durch das
Gegenteil, die, wie der Negativismus des Irren zeigt, einen gemeinsamen Zug des
unbewußten Geisteslebens bildet. Die Tatsache nun, daß alle diese Züge sich beim
Witz wiederfinden, beweist, daß auch er einer Bearbeitung im Unbewußten unter-
liegt. Ein vorbewußter Gedanke wird für einen Moment dem Unbewußten über-
lassen und dann mit den Veränderungen, die er dadurch erlitten, wieder vom Be-
wußtsein erfaßt. So spürt man denn auch, wenn man einen Witz macht, ein plötz-
liches Auslassen der intellektuellen Spannung, nach dessen Überwindung der Witz
mit einem Schlage da ist. Wie beim Traum die »Traumgedanken«, so läßt sich
beim Witze der vorbewußte Gedanke aus seiner entstellten Form rekonstruieren;
es ist das eben der versteckte »Sinn«, der aus dem Unsinn des Witzes heraus-
leuchtet. Die Rekonstruktion ist beim Witz leichter, die verändernde Bearbeitung
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