Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 1.1906

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454 BESPRECHUNGEN.

Wagners gewinnt. Aber am Schluß hätte der Verfasser einen zusammenfassenden
Rückblick geben sollen, der einerseits gezeigt hätte, was Wagner als die Summe
seiner Lebensarbeit auf diesem Gebiete ansah, anderseits, was der Verfasser von
Wagners Ideen für dauernd gültig hält, denn auf eine kritische Sichtung legt er den
Hauptwert seiner Arbeit. Wie mancher andere ist auch Moos von der Idee be-
fangen, daß »nach fanatischer Verkennung auf der einen und kritiklos-blinder Ver-
himmelung auf der anderen Seite« jetzt »die Zeit der historischen Gerechtigkeit für
die Würdigung Wagners gekommen sei«. Im Grunde steckt aber in dem Eifer,
mit dem man jetzt um der Gerechtigkeit willen die »Schwächen« bei Wagner sucht,
ein ganz klein wenig Kälte und Abneigung gegen ihn, so etwas wie Scheu vor
einer Größe, der man nicht beikommen kann. Wenn man erst seine Fehler auf-
gedeckt haben wird, die er ja wie »jeder andere« haben muß, dann wird er doch
verständlicher, wird er uns ähnlicher.

Aber so allgemein behauptet ist es nicht einmal richtig, daß Wagner bis jetzt
nur fanatische Verkennung oder kritiklose Verhimmelung gefunden habe, denn
Werke wie Histoire da drame musical von Schure, R. Wagner von Lichtenberger
und die Werke von Chamberlain, R. Louis' Darstellung der Weltanschauung Wag-
ners sind durchaus keine kritiklosen, sondern reif durchdachte, auf tiefem Ver-
ständnisse ruhende Arbeiten. Und an der Ehrlichkeit dieser Männer zu zweifeln
haben wir nicht den geringsten Grund, wir dürfen auch nicht annehmen, daß sie
irgend welche Zweifel oder Ausstellungen verbergen, die sie innerlich beunruhigen.
Ich für mein Teil gestehe, daß jene erwähnten Werke mit stärkerer Überzeugungs-
kraft auf mich wirken und tieferes Verständnis für Wagners Lehre dartun als die
objektiver sein wollende Darstellung von Moos. »Es ist viel leichter, in dem Werke
eines großen Genius die Fehler und Irrtümer nachzuweisen, als von dem Werte
desselben eine deutliche und vollständige Entwickelung zu geben«, sagt Schopen-
hauer am Beginn seiner »Kritik der Kantischen Philosophie«. Aber es scheint,
daß es gar nicht so leicht ist, Irrtümer wirklich nachzuweisen, denn wenn man
den Autor nicht verstand, ist es leicht ihm Irrtümer zuzuschieben. Ich fürchte, daß
Moos Wagner (wie Schopenhauer, die beide unzertrennlich sind) oft nicht verstanden
hat. Ich will das an zwei auffallenden Beispielen darlegen.

Moos bekämpft Schopenhauers Lehre, daß die Musik nicht, wie die anderen
Künste, Abbild der Ideen sei, sondern unmittelbares Abbild des Willens (»Moderne
Musikästhetik«, S. 43 ff.). Er stellt dies jedoch so dar, als wenn Schopenhauer sage,
daß die Musik die Ideen übergehe, und also zwischen diesen und dem Willen
stehe, was freilich sehr unklar wäre. Wenn man aber aufmerksam die von Moos
zitierten Stellen bei Schopenhauer nachliest, findet man, daß er nicht von einem
Übergehen der Ideen durch die Musik spricht, sondern vielmehr von einem
Parallelismus zwischen Idee und Musik: nämlich (Welt als Wille und Vorstellung
I, S. 340 der Reklamausgabe): »Da es ... derselbe Wille ist, der sich sowohl') in
den Ideen, als in der Musik, nur in jedem von beiden auf ganz verschiedene Weise,
objektiviert; so muß, zwar durchaus keine unmittelbare Ähnlichkeit, aber doch ein
Parallelismus, eine Analogie sein zwischen der Musik und zwischen den Ideen,
deren Erscheinung in der Vielheit und Unvollkommenheit die sichtbare Welt
ist.« Der Ausdruck »übergehen« kommt nur einmal vor (S. 340 oben): »Da sie (die
Musik) die Ideen übergeht«, es ist jedoch aus dem Gedankengange klar, daß
Schopenhauer hier die Ideen meint, nur insofern diese Welt ihre Erschei-
nung ist (s. obiges Zitat und S. 339 unten). Weiter findet Moos Schopenhauers

') Die Unterstreichung rührt vom Referenten her.
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