Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 1.1906

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BESPRECHUNGEN.

Umgekehrt wird Karl Gustav Vollmöller, der sicher viel höher an dramatischer
Wucht, an Entschlossenheit der Charakterzeichnung steht, arg hinuntergesetzt.
Solche Irrtümer aber entspringen der seltsamen Marotte Babs, im Drama das Sprach-
liche in den Vordergrund zu drängen, das Ethische hierüber zu benachteiligen. All
jene Poeten, von denen er redet, Wedekind, Emil Ludwig, Stucken u. a. erhöht er
künstlich zu bewußten oder blindlings treffenden Pfadfindern. Meist geht es diesen
so, daß sie sich die jugendliche Erregung mit einem Sturm- und Drangstück aus
den Nerven dichten, und daß hernach lendenlahmes, artistisches Experimentieren
ihre Arbeit ist. Frank Wedekind, eine Modegröße, die, wenn nicht alles trügt,
schon wieder stark aus der Mode kommt, sollte man nicht harmlosen Gläubigen
als Tragiker hinstellen wollen, der ab und zu Shakespeares Gewalt ertönen lassen
könnte. Ich habe an anderer Stelle Ausführliches darüber gesagt, daß Wedekind
als sozialer Denker entweder altbacken oder widerwärtig ist, daß seine künstlerischen
Qualitäten dem Theater nur dann Erträgliches gaben, wenn sie in ausgefahrenen
Gleisen recht rostig gewordener Technik sich genug sein ließen. Wedekind, der
Neuerer, ist mit ehrlichem, aber begründetem Lächeln als ganz haltloser Dilettant
zurückzuweisen. — Es ist gewiß des Lobes wert, den jungen Ringenden mit bereit-
willigster Genußfreudigkeit entgegenzukommen. Aber Bab ist zu überschwenglich,
wenn er nach den ungestalten Knospen sich schon strotzende Früchte voll Reife
und Saft erwartet.

Berlin. Max Hochdorf.

Adolf Göller, Das ästhetische Gefühl, e' : Erklärung der Schönheit
und Zergliederung ihres Erfassen. ;.uf psychologischer Grund-
lage. Stuttgart 1905. Verlag von Zeller u. Schmidt. VI u. 351 S. und eine
Figurentafel, gr. 8°.

Wohl selten ist über die Fragen des ästhetischen Gefühles ausführlicher ge-
handelt worden. Und dennoch bietet das Buch eine beklagenswert geringe Menge
von Aufschlüssen und Belehrung. Sauber nach Paragraphen geordnet, die wieder
systematisch in bezifferte Unterabschnitte geteilt sind, sollen die psychologischen
Grundlagen erst dargestellt werden und hiernach die beim Kunstempfangen be-
stimmbaren Seelenvorgänge, die eine Aufnahme des Ästhetischen fördern oder
hemmen. Daß der meinungslose Verfasser sein Wissen nur zusammenträgt und
durch eine eklektische Mutlosigkeit im Leser jede mitschwingende Teilnahme ver-
nichtet, mag vielleicht gar dem kühlen Verstände nicht ganz unbehaglich scheinen.
Aber so laues, unpersönliches Denken kann höchstens den fördern, der in den Ele-
menten der Ästhetik völlig fremd ist. So darf man dem Buche den Wert eines
fleißig, aber ziemlich unbeholfen gearbeiteten Kompendiums zusprechen. Das Urteil
tut dem Referenten selbst weh. Doch es ist leider notwendig.

Im einzelnen bilden das Thema die ästhetische Wahrnehmung in ihrem Ver-
laufe, das Denken, die Gruppierung der Gefühle Lust, Unlust und der übrigen
Regungen, die Polemik gegen den Sinn der objektiven Schönheit, die individuelle
Beschreibung der Apperzeptionsbasis, die Darlegung der ästhetischen Sonderbegriffe,
als da sind: Vollkommen, Erhaben, Häßlich, Komisch u. a.

Berlin. Max Hochdorf.
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