Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 6.1911

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Besprechungen.

Yrjö Hirn, Det heliga skrinet. Stadier i den katolska kyrkans poesi och honst.
Helsingfors, Söderström & Co. 543 S. Preis 14 Fmk (= Frcs). (Der heilige
Schrein. Studien in der Poesie und Kunst der katholischen Kirche.)
Der durch seine Untersuchung über den Ursprung der Kunst auch in deutschen
Fachkreisen vorteilhaft bekannte finnische Ästhetiker, Yrjö Hirn, hat im vergangenen
Jahre ein Buch mit dem oben angegebenen Titel herausgegeben, diesmal in schwe-
discher Sprache. (Sein Werk über den Ursprung der Kunst war zunächst in eng-
lischer Sprache geschrieben und wurde erst später ins Schwedische übersetzt.)
Obgleich das neue Werk Hirns somit für die deutsche Leserwelt der Sprache wegen
vorläufig unzugänglich ist, dürfte doch ein kurzer Hinweis auf seinen reichen Inhalt
auch deutsche Kunstforscher und Ästhetiker interessieren.

Der Titel des Buches gibt keine richtige Vorstellung von seiner Art und von
seinem Inhalt. In einem »der heilige Schrein« betitelten Werke erwarten wir in
erster Linie eine Monographie über eine bestimmte einzelne Äußerung der kirch-
lichen Kunst zu finden. In Wahrheit bietet uns das Hinische Werk etwas ganz
anderes und — wir können es sogleich sagen — etwas weit Wichtigeres. Trotz
seines engen Titels behandelt das Werk Prinzipienfragen von größter Tragweite
und von allgemein menschlichem Interesse. Es ist in der Tat, wie der Verfasser
in der Vorrede angibt, »eine synthetische Behandlung der ästhetischen Züge des
gesamten katholischen Geisteslebens«. Ja, man könnte die Frage aufwerfen, ob
das Werk sich nur auf die Behandlung der ästhetischen Züge des katholischen
Geisteslebens beschränkt. Man müßte vielleicht eher sagen, daß es eine psycho-
logische Analyse und eine entwicklungsgeschichtliche Auffassung des katholischen
Geisteslebens, der spezifisch katholischen Weltanschauung im allgemeinen ist, so-
weit diese sich in einigen bestimmten sichtbaren Formen, deren Urbild gerade der
heilige Schrein ist, verkörpert und veranschaulicht. Das Werk ist somit im Grunde
eine sehr interessante religionspsychologische Untersuchung, gewissermaßen eine
»Dogmengeschichte« der katholischen Kirche, eine Dogmengeschichte, welche die
katholische Kunst zum Ausgangspunkt und zum Anschauungsmaterial hat. Der
Grund dafür, daß der Verfasser einer Untersuchung von so großer Tragweite einen
so engen Titel gegeben hat, liegt in dem leitenden Gedanken, daß der heilige
Schrein der Prototyp oder die Grund- und Urform der ganzen katholischen Kunst
ist, eine Urform, im Verhältnis zu der die übrigen Formen dieser Kunst nur Diffe-
renzierungen oder Variationen sind. Diese Behauptung wird in dem Werke meiner
Ansicht nach ganz überzeugend bewiesen.

Um ein richtiges Bild von dem reichen Inhalt der Arbeit Hirns zu geben,
müßte man Kapitel für Kapitel den Gedankengang des Verfassers verfolgen und
zeigen, wie er auf ein sehr reiches Material und auf eine ebenso gründliche wie
vielseitige Belesenheit gestützt seine Grundlehren entwickelt und zur Evidenz bringt.
Dazu wäre aber ein langer Artikel nötig, und wir wollen hier nur eine kurze An-
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