Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 6.1911

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BESPRECHUNGEN. 133

aber dafür um so geschickteren Exemplifikation den ästhetisch-interessierten Kreisen

als eine überaus fesselnde und anregende Lektüre empfohlen werden muß.

Graz.

Hugo Spitzer.

Mela Escherich, Das Kind in der Kunst. Mit 56 Abbildungen auf 32 Tafeln.
Franckhsche Verlagshandlung, Stuttgart 1910. S". 117 S.

Ein anspruchsloses, frisch und anregend geschriebenes Werk, das aller Wahr-
scheinlichkeit nach den Weg ins weitere Publikum finden wird. Denn für dieses
ist es seiner ganzen Anlage nach bestimmt, und hier kann es auch in gleichem
Maße Vergnügen und Belehrung spenden. Vielleicht wird es manchem willkommen
sein, an der Hand eines so anziehenden Materials — wie das der Kinderdarstel-
lungen — den Entwicklungsgang der Kunst zu verfolgen, und andere wieder, die
mit den Grundzügen der Kunstgeschichte schon vertraut sind, werden es wohl be-
grüßen, hier zu sehen, wie das gleiche Thema in dem Geiste verschiedener Stil-
epochen sich spiegelt und so in immer neuen Variationen anklingt. Auch der bild-
liche Teil ist recht gut geraten; neben berühmten Meisterwerken stößt man auf
weniger bekannte Arbeiten, wie z.B. auf die beiden reizenden Neujahrsblätter aus
dem 15. Jahrhundert, die zugleich einen anziehenden Beitrag zu der ästhetischen
Kultur der damaligen Zeit bieten.

Zu einer streng wissenschaftlichen Kritik gibt das Buch keinerlei Anlaß, da es
nicht neue Ergebnisse vorbringt, sondern lediglich mehr oder minder bereits be-
kannte Tatsachen unter dem Gesichtspunkt der Kinderdarstellungen anordnet.
Wünschenswert wäre nur, daß die Verfasserin hie und da größerer Vorsicht sich
befleißen sollte, um nicht subjektive Geschmacksurteile oder ungenügend geprüfte
Hypothesen einem breiteren Leserkreis als gesicherte, allgemein zugestandene Wahr-
heiten aufzutischen. Im allgemeinen aber kann das Buch empfohlen werden, da es
die übliche populäre Kunstliteratur weit überragt sowohl durch den inneren Ernst,
der es auszeichnet, als auch durch den Kenntnisreichtum der Verfasserin, die noch
dazu über einen geschmackvollen Stil verfügt, der nur hin und wieder ein wenig
gesucht und gezwungen erscheint.

Prag. ___________ Emil Utitz.

Benedetto Croce, Problemi di Estetica e contributi alla storia delV este-
tica Italiana (Saggi filosofici I). Bari 1910, Laterza e figli. VIII u. 513 S.
Die Ästhetik Croces hat in dieser Zeitschrift durch ihren Herausgeber eine
Würdigung gefunden, die wohl doch mehr dem Gegensatz der deutschen Schule
gegen diesen Jüngsthegelianer als seiner Bedeutung gerecht geworden ist. Wie
Dessoir fühle ich mich im entschiedenen Widerspruch zu dieser >Beseitigung der
Gattungen«. Ich halte sie für durchaus undurchführbar; und wenn in der vorliegen-
den Aufsafzsammlung Croce etwa (S. 285) sagt: »Für den literarischen Kritiker gibt
es nicht ,Humor', sondern Sterne, Jean Paul, Heine; nicht .Erhabenheit', sondern
Äschylus, Dante, Shakespeare«, so möchte ich fragen, ob solcher ^Skeptizismus«
(vgl. S. 155) nicht auch z. B. das von ihm gebilligte Urteil des De Sanctis über
Schiller unmöglich machen würde (S. 461; vgl. auch S. 91 f.): Schiller sei nicht ein
Dichter im Sinne der Dante, Shakespeare, Ariost, Goethe. Ich bin auch der Mei-
nung, daß für die Syntax (vgl. allg. S. 147) durch die Vieldeutigkeit des Konjunk-
tivs (S. 169 f.) so wenig das Suchen nach einer Grundbedeutung des Modus über-
flüssig oder nutzlos wird wie für die Literaturgeschichte durch die auch bei uns
viel beklagte Beweglichkeit des Begriffs »Romantik< (S. 287 f.) eine Feststellung der
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