Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 6.1911

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BESPRECHUNGEN. 317

Wert auf eine psychologische Fundierung dieser Phänomene legen. — Auch
sonst könnte man mancherlei Einzelheiten anders auffassen. So z. B. könnte man
in der Beurteilung Lessings anderer Meinung sein. Ich finde z. B., daß Lessing
gerade in seiner Stellung zur Malerei nicht konsequent war. Denn indem er als
vornehmstes Gebiet dieser Kunst Handlungen von Menschen annimmt, bringt er ja
gerade ein Nacheinander in diese Kunst hinein, die nach ihm nur ein Nebenein-
ander geben soll. Auch die Lehre vom fruchtbarsten Moment hebt das nicht auf.
Solange überhaupt die Handlung, nicht der Mensch selbst, seine Gestalt usw.
betont wird, ist immer ein zeitliches Moment darinnen. Gerade die Bildwerke aus
der besten griechischen Zeit wirken auch dort, wo sie scheinbar Handlungen dar-
stellen, doch durchaus als ruhend, nur als seiend . Der Kampf der modernen Zeit
gegen die »Anekdotenmalerei<: richtet sich ja gerade gegen dieses zeitliche Moment
in der Bildkunst. — Überhaupt scheint mir Babitt zu sehr die moderne Tendenz zur
Stilvermischung zu überschätzen und dabei lange nicht genug die starken Gegen-
strömungen zu berücksichtigen, die doch gerade in neuester Zeit sich energisch
geltend gemacht haben.

Aber obwohl man noch in vielem einzelnen anderer Meinung sein kann: als
Ganzes ist's doch ein gescheites, ein interessantes, ein anregendes Buch.

Berlin-Halensee.

Richard Müller-Freienfels.

Julius Meier-Graefe, Hans v. Marees. Sein Leben und seine Werke. II. Bd.
(Katalog.) München, R. Piper & Co., 1909.

Die Gemäldegalerie des Kaiser-Friedrich-Museums. Die romanischen
Länder. Bearbeitet von Hans Posse. Berlin, Julius Bard, 1909.

Als zwei glänzende Beispiele moderner Katalogkultur seien hier zwei sonst wenig
zusammenhängende Publikationen vereint genannt: der Katalog der Gemäldegalerie
des Kaiser-Friedrich-Museums, von dem bisher nur die Abteilung „romanische
Länder" erschienen ist, bearbeitet von Dr. Posse, und der Katalogband (Bd. II) des
großen Marees-Werkes, das Meier-Graefe in Angriff genommen hat.

Die Katalogkultur hat allmählich aus bloßen der Inventarisierung und Orien-
tierung dienenden Registern Prachtbände geschaffen, denen die unausgesprochene
und uneingestandene Tendenz inne wohnt, Surrogatgeltung zu erlangen für die un-
mittelbare Anschauung des Registrierten. So herrscht heute der illustrierte Katalog
vor, der mit allen Raffinessen moderner Reproduktionstechnik den Eindruck des
Originals wiederzugeben sucht. Soweit Linien, Modellierung, Valeurs die Kompo-
sition und den Bildeindruck bestimmen, bleibt der vervollkommneten Reproduktion
für vernünftige Anforderungen verhältnismäßig wenig versagt an Wiedergebungsmög-
lichkeit, und die Zahl derer ist groß, die eine gute Reproduktion einer mittelmäßigen
Kopie vorziehen.

Die früheren unillustrierten primitiven Kataloge langweilten uns mit einer
detaillierten Sachbeschreibung, die uns allerdings manchmal ebenso humoristisch
stimmte wie es die automatisch heruntergeleierten Aufzählungen eines herumführenden
Kastellans tun. Diese Registratorenemsigkeit ist jetzt überflüssig und eine Be-
schränkung ist möglich geworden auf wenige knappe und wissenswerte Bemerkungen,
die sich auf die Herkunft des Bildes, seinen Schulcharakter, seinen Meister, seinen
Erhaltungszustand und dergleichen beziehen. Vor allen Dingen ist dadurch Raum
gewonnen worden für die Angabe dessen, was die Reproduktion vorläufig nicht
wiederzugeben vermag, nämlich der farbigen Haltung des Bildes. Das ist denn
auch der Punkt, wo die beiden genannten Kataloge eine ganz aktuelle und sympto-
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