Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 6.1911

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Besprechungen.

Ernst Krieck, Persönlichkeit und Kultur. Kritische Grundlegung der
Kulturphilosophie. Heidelberg 1910, Carl Winters Universitätsbuchhandlung.
8°. XVI, 512 S.
Nach dem Vorwort ist der Zweck des vorliegenden Buches, »mitzuarbeiten an
der großen kulturellen Aufgabe der Gegenwart, an der Umgestaltung der nationalen
Kultur im Sinne einer Vertiefung und einer Neubelebung des Idealismus«, den das
Deutschtum erzeugt hat, und der vor allem »Bewußtsein der Freiheit und Göttlichkeit,
der inneren Unendlichkeit, aus der alle Wirklichkeit erwächst«, besagt. Wie weit dem
Verfasser die Lösung der Aufgabe gelungen ist, vermag ich nicht zu beurteilen, da
ich das Buch zum größten Teile, vor allem in seinen grundlegenden Partien, nicht
verstanden habe. Zwar bittet der Verfasser selber für das Mühsame, das seiner
Darstellung anhaftet, um Nachsicht. Die Kritik müsse sich mit den letzten und
obersten Prinzipien auseinandersetzen, und die Luft da oben sei abstrakt und poesie-
los. Aber wenn auf Schönheit der Form und Größe des Stils verzichtet wird,
braucht doch darum die Klarheit und Verständlichkeit nicht preisgegeben zu werden.
Zwar vermag der historisch orientierte, mit der Terminologie und den Gedanken-
gängen der deutschen spekulativen Philosophie von Fichte bis Hegel wohl vertraute
Leser einige Grundgedanken dieser Spekulation, vor allem die Lehre vom Ich als
schöpferischem Weltprinzip im Sinne des jungen Schelling, die dialektische Methode,
die intellektuale Anschauung usw. in dem vorliegenden Bande wiederzuerkennen.
Schwer ist es aber, ein klares Bild von der Art und Weise zu gewinnen, wie nach
des Autors Meinung sich diese und viele andere Momente, zu denen auch noch
besonders der Stirnersche Individualismus zu rechnen ist, zu der »deutsch-nationalen
Religion«, dem Idealismus zusammenschließen sollen, der unsere Zuflucht und unser
Glaube sei. Mir ist es nicht gelungen. So kann ich von dem Inhalt dieses Buches
nur in des Autors eigenen Worten berichten, die zugleich eine Probe seines Stils
sein mögen.

Was ist Persönlichkeit? »Persönlichkeit ist die Gesamtheit der Beziehungen
eines Einzelmenschen als Wertstufe. Diese Beziehungen sind: 1. Bedingungen des
Werdens (Passivität der Persönlichkeit), 2. Betätigungen (Aktivität der Persönlich-
keit). Persönlichkeit ist somit einerseits bedingtes, anderseits unbedingtes, bedingen-
des Kulturmoment. Sofern beide Seiten nicht äquivalent sind, ist die Persönlichkeit
der Quell alles Seins, aller Bewegung.« »Diese Definition setzt die Persönlichkeit
als eine begriffliche Einheit, welcher eine sinnliche Einheit, das Individuum, ent-
spricht. Die Begriffseinheit ist durchaus formal, nämlich Synthese des Subjektes
und des Objektes; der jeweilige Begriffsinhalt, die aus dieser Synthese erwachsene
Bestimmtheit des Objektes vom Subjekte, und umgekehrt ist die empirische Persön-
lichkeit, das Postulat aller Erfahrung« (S. 1). Auf Grundlage dieser Bestimmungen,
mit denen das Werk beginnt, wird die Persönlichkeit als oberstes Prinzip aller
Philosophie entwickelt. Das Wichtigste ist hierbei, daß aus ihr das »Allgemeine«
als die »bloße Möglichkeit der Passivität, des Aufnehmens fremder Wirkung« (S. 17)
abgeleitet wird. Denn mit dem Allgemeinen hat es dann der zweite Teil des Werkes,
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