Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 6.1911

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BESPRECHUNGEN. gig

aber der Genuß an Bildwerken allein aus der Erkenntnis der gelungenen Kompo-
sition und erleichternden Anordnung resultiert, dürfen wir ihn als Kritikererlebnis
bezeichnen, von dem gerade Gors die Ästhetik befreien möchte.

Denn das ist gerade seine Hauptsache, daß schuld an der Kunstverhimmelung
und der Gefühlsschwärmerei die Kritiker und Literaten sind, diese greifen in dem
Bemühen, Stimmung für ein Kunstwerk zu machen, zu jenen übertriebenen pathe-
tischen Ausdrücken, durch die die Leser suggestiv beeinflußt werden und sich ihrer-
seits bemühen, den Krampf dieser Worte vor den Kunstwerken nachzuerleben. So
wird die Rhetorik und Deklamation mit der Beschreibung des Erlebnisses ver-
wechselt, das an sich gar nichts von dieser Hochtrabenheit an sich hat. Noch ge-
fährlicher aber ist es nun, daß die Literaten über Literatur schreiben und sowohl
solche Literatur- und Kunsterlebnisse als auch deren Schöpfer, Literaten und Künstler,
als die höchsten und einzig Hebens- und nachahmenswerten hinstellen. Überlegt
man, wie stark diese literarischen Prätentionen gerade in der letzten Zeit sich breit
machten, so wird man die gesunde Reaktion dagegen in diesem Buche von Gors
als seinen Hauptwert anerkennen, auch wenn man in diesem Punkte noch eine
gerechtere Abschätzung der ästhetischen und der Lebensinhalte aus einer tieferen
Einsicht in des Wesen der geistigen Gebiete heraus wünschen möchte, in der Weise
etwa, daß man dem Künstler gern die qualitativ höhere und intensivere Leistung
und dem Kunstwerk einen entsprechenden höheren Erlebniswert zugestehen wird,
aber doch nur als Pause und Einschiebsel des Lebens, dem das Leben im Zusam-
menhang und seine Regulierung im ganzen gegenüberstehen. Für diese gilt dann,
was Gors in der Einleitung sagt: »Es gibt eine andere Menschenklasse, die für
eine Nation von größerer Wichtigkeit ist als Philosophen und Künstler: es sind die
Menschen, die nach Einfluß und Reichtum und Macht streben, die herrschen und
befehlen wollen und wirken und materielle Werte schaffen. Denn von schönen
Gefühlen und ein bißchen Wissenschaft wird man nicht satt.«
Berlin-Steglitz.

Richard Hamann.

Micha! Sobeski, Uzasadnienie metody objektywnej w cstetyce. Krakow.
Nakiadem Akadcmii Umiejctno'sci, 1910. Die Begründung der objektiven Me-
thode in der Ästhetik. Krakau, Verlag der Akademie der Wissenschaften,
1910. 141 S.
Die Frage nach der richtigen Methode der Ästhetik wurde nach dem Erscheinen
großer ästhetischer »Systeme« besonders lebhaft erörtert. Sie bildet auch den
Gegenstand der Untersuchungen von Sobeski.

In einem einleitenden Kapitel über Natur und Kunst, das vor allem einer aus-
führlichen Widerlegung des Naturalismus gewidmet ist, hebt der Verfasser hervor,
daß das Naturschöne in sehr engen Grenzen eingeschlossen ist und sich nur auf
das sinnlich Schöne beschränkt. Die ganze Sphäre des außersinnlichen Schönen
rührt nicht von der Natur, sondern von uns her. So stellt denn der Verfasser als
die fundamentale Aufgabe der Ästhetik, die Gebiete des sinnlich Schönen und des
außersinnlich Schönen in der Kunst klar und scharf voneinander zu trennen. — Das
zweite Kapitel enthält eine scharfe Kritik der subjektiven Methoden in der Ästhetik,
vor allem aber sucht der Verfasser die Unzulänglichkeit des Psychologismus zu
zeigen. Wenn die psychologische Methode konsequent bleiben will, so ist sie
bloß auf die Psychologie angewiesen — dann ist sie dem Kunstschönen gegen-
über ratlos; denn heteronome Kriterien anzuwenden, ist ihr nicht gestattet,
eigene aufzustellen ist sie nicht imstande. Um dies zu beweisen, erörtert der
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