Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 6.1911

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634 BESPRECHUNGEN.

gelegt. (Anhang zu den ?Grundzügen der ästhetischen Farbenlehre«, Stuttgart 1908.)
Cohn-Wieners Stilschema hat wohl darin seine Ursache, daß er aus dem Bestreben
heraus, unsere moderne Kunstbewegung als gesunden Anfang einer gewaltigen
Stilentwicklung hinzustellen, alle Kunst in einen Rahmen zu pressen sucht, der
gerade der Kunst unserer Tage bis zu einem gewissen Grade angepaßt ist. Ich
teile zwar die Überzeugung unseres Verfassers, es könne geschehen, »daß aus
diesem Kampf (um unsere moderne Kunst) für uns die Schönheit eines neuen
Lebens hervorgeht, ganz aus den Bedingungen der eigenen Zeit gewonnen, kraft-
voll und notwendig, wie die Schönheit der Hellenen, des romanischen Mittelalters
es war«. Aber ich glaube, auf Zweckmäßigkeit und Konstruktion allein dürfen wir
uns nicht stützen; das führt nicht weit. Ich will jedoch da meine Auseinander-
setzung abbrechen und noch einmal der Freude Ausdruck verleihen, daß es sich
hier um eine wertvolle Neuerscheinung handelt, die auch dem reiche Anregungen
spendet, der — wie ich — in wichtigen Punkten widersprechen muß.

Rostock i. M. •

Emil Utitz.

W. Hausenstein, Der Bauern-Bruegh ei. (Klassische Illustratoren Bd. VI.)
München und Leipzig, R. Piper & Co., 1910.

Das Wiener Hofmuseum besitzt von alter Zeit her eine Sammlung von Werken
des älteren Brueghel, von einer solchen Reichhaltigkeit und einer so außerordent-
lichen Qualität, daß man meinen möchte, allein der Anblick dieser einen Folge von
Gemälden hätte schon längst eine wissenschaftliche Bearbeitung des gesamten
Materials in einer erschöpfenden Monographie anregen müssen. Indes ist es nur
eben ein halbes Jahrzehnt her, daß die erste derartige Arbeit erschienen ist. Auch
das Interesse eines weiteren Publikums für Brueghel scheint bisher nicht sehr leb-
haft gewesen zu sein; in dem ersten Hundert der Velhagen und Klasingschen
Künstlermonographien fehlt sein Name. Bereits 189091 hatte zwar Hymans dein
Künstler eine verdienstliche Studie gewidmet (in der Gazette des beaux-arts). Erst
nach einer langen Pause jedoch, die bis 1905 währte, wurden, nunmehr rasch
hintereinander, die umfassenden und für alle weitere Forschung grundlegenden
Arbeiten von Romdahl und vor allem von Hulin und Bastelaer veröffentlicht.
Wiederum in schneller Folge sind dann die >populäreiu Darstellungen von Bernard
(1908) und von Hausenstein (1910) erschienen, beide ungefähr gleichartig und
gleichwertig, ohne gelehrten Ballast, lebendig geschrieben und vielseitig anregend.

Dieser Verlauf der Dinge ist weit über den einzelnen Fall hinaus typisch. Es
mag sehr zweifelhaft erscheinen, ob die absolute Zahl der Arbeiten, die sich mit
der italienischen Renaissancekunst beschäftigen, in den letzten Jahren abgenommen
hat. Sicher aber ist, daß daneben sich neuerdings das allgemeine Interesse in
immer steigendem Maße (natürlich außer in Italien selbst) der nordischen Kunst
zuwendet. Es geht nicht an, diese Erscheinung allein aus einer gewissen Stim-
mung des Überdrusses zu erklären, und noch weniger würde die damit zusammen-
hängende Verschiebung innerhalb der wissenschaftlichen Literatur durch den Hin-
weis zu begründen sein, daß für die Erkenntnis der Einzelheiten und der Zusam-
menhänge auf dem Gebiet der außeritalienischen Kunst zahlreichere und wichtigere
Fragen noch der Beantwortung harren als bei der Kunst der italienischen Renais-
sance, die uns durch die Arbeit mehrerer Generationen und eine von Anfang an
festere Überlieferung bereits so viel besser bekannt ist als jene. Vielmehr scheint
doch, ganz abgesehen von solchen zum Teil nur nachträglichen Erwägungen, das
Gesamtproblem der italienischen Kunst für die Gegenwart einigermaßen an Reiz,
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