Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 7.1912

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VI.

Kunstpsychologische Untersuchungen.

Von

Max Deri.

2. Die Künste für das Ohr. Musik.

Wir fanden im ersten Teil unserer Untersuchung, daß man die
künstlichen Gefühlsvermittlungen in die zwei großen Gruppen fassen
kann: jener, die Naturreize kopieren, und jener anderen, die Symbole
für Gefühle erfinden.

Der Reichtum der ersten Gruppe, der »naturalistischen«, hängt von
der Menge der Reizungen ab, denen das betreffende Sinnesorgan von
Seiten der Natur her zugänglich ist. Er erwies sich beim Auge als
ein sehr großer; er ist beim Ohr aber beträchtlich kleiner. Was wir
hören ist ein viel kleinerer Ausschnitt der Welt als das, was wir sehen.
Nur was die Eignung besitzt, Luftschwingungen hervorzurufen, die
wieder zwischen 20 und 40000 pro Sekunde liegen müssen, wird
überhaupt hörbar. So kann es nicht wundernehmen, den Umkreis
des »Naturschönen« für das Ohr, und damit des einen Kunstschönen,
nämlich des »kopierten Naturschönen«, ziemlich klein zu finden.

Geht man nun nach dem Prinzipe der Kontinuität die Erfahrungen
der einzelnen Sinnesorgane ganz parallel durch, so hat man innerhalb
dieses naturalistischen Kreises zuerst nach der Gruppe der natürlichen
Sinnesgefühle für das Ohr zu fragen. Schon sie ist weit kleiner als
die für das Auge. Man sieht in seinem Leben in der Natur viel mehr
Farben, als man Töne hört. Doch gibt es immerhin einiges, was in
der Regel als Erlebnis vorausgesetzt werden kann. Ein fallender Tropfen
etwa, oder das Knacken eines Astes, ein Brummton der Luft, dazu
dann reine Töne, die von Lebewesen hervorgebracht werden, sind hier
die wichtigsten Naturerfahrungen. Sie genügen, um auf ihnen dann
die große Menge der künstlich hervorgebrachten Sinnesgefühle auf-
zubauen.

Um vorerst das »Naturschöne« für das Ohr zu erledigen, fragen
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