Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 7.1912

Seite: 372
DOI Artikel: DOI Seite: Zitierlink: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/zaak1912/0376
Lizenz: Freier Zugang - alle Rechte vorbehalten Nutzung / Bestellung
0.5
1 cm
facsimile
IX.

Die Lyrik Conrad Ferdinand Meyers1).

Von
Franz Baumgarten.

I.

»Die Gegenwart ist frech, die Abwesenheit aber, die vergißt, ist
gedankenlos. Ich preise die gegenwärtige Abwesenheit, die Sehn-
sucht«, sagt Pescara, unter dessen Maske Conrad Ferdinand Meyer
tiefe Geständnisse verborgen hat.

Aus Sehnsucht und Erinnerung fließt Meyers Lyrik.

Er war ein Einsamer, ein Kranker, erfüllt von der brennenden
Sehnsucht, sich zu vergessen, sich verschenken zu können, eins zu
werden mit den Menschen, mit der Natur, mit der Welt. Sehnsucht
ist der Wunsch nach Ergänzung.

Eine neurasthenische Schüchternheit hemmte seine Lebensäuße-
rungen. Er gehörte zu den Menschen, die in die Verdammnis gehen
wegen eines unausgesprochenen Wortes, die das Glück, selbst wenn
es sie bei der Hand faßt, vorübergehen lassen, weil sie nicht sprechen,
nicht sprechen können.

Er hatte viel Vertraulichkeit, doch wenig Vertrauen. Er sprach
gern mit Menschen und kam gern zu ihrer Seele, aber er kam von
sehr weit: zwischen ihm und den Menschen stand trennend immer
seine Einsamkeit. Er fühlte tief und warm für andere und die ganze
Menschheit, aber er konnte sich nicht aussprechen: das Übermaß
des Gefühls machte ihn stumm. Er ist der Mann der Hemmungen.
»Cette source vive et vivifiante de charite dont je sens la chaleur te
dont je täche involontairement de me rapprocher, mais que je ne possede
pas.« (C. F. Meyer an Bovet.)

Meyers Gedichte sind seine sichtbar gewordene Einsamkeit. Die
Lyrik der Sehnsucht ist die Lyrik des Einsamen.

Meyer meinte, er hätte den Anschluß an die Menschen versäumt
durch seine traurige Jugend, und die Brücke, die abgebrochen war,
ließe sich nicht wieder aufbauen. Er meinte, sein Fremdsein, sein

') Aus einer Biographie C. F. Meyers.
loading ...