Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 7.1912

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BESPRECHUNGEN.

Fragen der künstlerischen Produktion der Leitung eines mehr musikalisch-praktisch
als eines psychologisch-ästhetisch geschulten Führers anvertrauen wollen. Auch der
Ästhetiker von Beruf wird bei Oraf Vieles finden, das ihm von Wert ist, doch
ist nach dieser Seite ein gewichtiger Vorbehalt unerläßlich: Oraf behandelt sein
Thema mehr in der Art des zwanglosen Vortrages als in systematischer Entwicklung,
Wer von ihm tiefere Aufklärungen prinzipieller Art erwartet, wird kaum auf seine
Rechnung kommen, sondern nur eine neue Bestätigung des alten Satzes finden,
daß auch ein geistvolles und umfassendes empirisch-künstlerisches Wissen den
ästhetischen Grundfragen nicht eigentlich beizukommen vermag. Graf hat zwar
hoffentlich recht, wenn er meint, daß die Zeit der naturwissenschaftlich-beschreibenden
Ästhetik vorbei sei. Nur sollte er beim Aussprechen dieser Überzeugung zu aller-
erst an dje eigene Brust schlagen und sich gestehen, daß ein wirklicher und end-
gültiger Sieg der Ästhetik als der Philosophie des Schönen nur möglich ist, wenn
diese letztere sich einer weit gründlicheren, sorgfältigeren psychologischen Schulung
und Fundamentierung befleißigt, als sie ihm selbst zu Gebot steht.
Ulm a. D.

Paul Moos.

Heinr. Meyer-Benfey, Das Drama Heinrich v. Kleists. Erster Band:
Kleists Ringen nach einer neuen Form des Dramas. Göttingen 1911, Otto
Hapkes Verlag. VIII und 620 S.

Dies mit ungemeiner Liebe und bestechendem Ernst geschriebene Werk ver-
ficht eine doppelte These. Die erste, die schon wichtig genug ist, scheint der Ver-
fasser mir zum Siege gebracht zu haben: daß Kleist mit Bewußtsein eine neue
Form des Dramas anstrebte und zwar durch Verschmelzung Sophokleischer und
Shakespearescher Elemente. Irrig scheint nur die zweite, die freilich ein so be-
geisterter Verehrer des Dichters kaum vermeiden konnte: diese Kleistische Form
sei schlechtweg eine höhere Form des Dramas und ihr Meister »unter allen deut-
schen Dichtern — vielleicht unter allen Dichtern der Welt in dem genauen, hier
umschriebenen Sinn des Wortes, der größte Künstler«.

Den Versuch, ein neues Drama zu schaffen, haben vor Kleist die Stürmer und
Dränger unternommen, mit Bewußtsein vor allem (wie neuerdings gut gezeigt
worden ist) Klinger; ferner die Dichter der Schicksalstragödien und — Goethe und
Schiller. Diesen beiden, meine ich gegen Meyer-Benfey, ist es gelungen. Der
»Tasso« stellt ein neues Drama dar, in dem die Psychologie Shakespeares mit
dem Stil der klassischen Franzosen vereint sind; »Wallenstein« und »Teil« — gegen
den der Verfasser besonders heftig ist, wie gegen einen besonders gefährlichen
Nebenbuhler Kleistischer Stücke — desgleichen, indem eine ganz neue Massen-
psychologie mit einem nicht sowohl Shakespeareschen als Shakespearisierenden Stil
vereint sind. Ja ich würde, das Gleiche auch von Lessing behaupten, der die
Technik der Komödie mit dem Stil der Tragödie auf eine ganz neue Weise zu ver-
einigen wußte. — Der Plan allein, »die dramatischen Besonderheiten der Sopho-
kleischen Kunst und die dichterischen Vorzüge des Shakespeareschen Dramas zu
vereinigen« (S. 250), würde Kleist seine außerordentliche Stellung nicht sichern; wie
denn der Verfasser überhaupt seinen Helden viel zu sehr isoliert und z. B. (S. 475)
kühnlich behauptet, der »Zerbrochene Krug« sei das erste deutsche Schauspiel in
Versen — wogegen neben sehr viel anderen nur etwa »Die Mitschuldigen« genannt
zu werden brauchten. Es muß feiner gefragt werden, ob die Versöhnung jener
beiden großen Kunstformen, die Kleist erreichte, wirklich die allein gebotene war.
Hier zeigt sich nun die Gefährlichkeit von Meyer-Benfeys Heroenverehrung: er
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