Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 11.1916

Page: 77
DOI article: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/zaak1916/0082
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
BEMERKUNGEN. 77

Seine psychologischen Erfahrungen und Überzeugungen hat Witasek in einem
Bande »Grundlinien der Psychologie« (1908) niedergelegt, einem Buche, das sich
an einen weiteren Leserkreis wendet, aber doch recht theoretisch anmutet. Bewun-
derungswürdig ist ebensosehr die klare Kürze der Darstellung, wie die gerechte
Berichterstattung. Das Buch ist eine vorzügliche Einführung in den Gegenstand
für ernste Leser, zugleich aber eine ausgezeichnete Ergänzung zu den anderen
Handbüchern der Psychologie, z. B. dem von Ebbinghaus. Als Gelegenheitsarbeiten
seien die Aufsätze »Psychologisches zur ethischen Erziehung« (1907) und die in
Gemeinschaft mit Höfler herausgegebenen »Hundert psychologische Schul versuche«
(1900), deren Auflage für ihre Brauchbarkeit spricht, angeführt.

Witasek war 1870 in Wien geboren, promovierte 1895 in Graz, habilitierte sich
1899 und wurde 1913 außerordentlicher Professor, 1914 Vorstand des psychologi-
schen Laboratoriums. Gegen seine Schüler war er aufopfernd; er gab bedingungs-
los alles an Mühe und von seiner karg bemessenen Zeit, was die Arbeit seiner
Schützlinge erforderte. Mit seinem Lehrer verband ihn innigste Freundschaft; Freund-
schaft und Verehrung hegten alle für ihn, die an seiner Seite gearbeitet haben. Die
Schätzung seiner Werte wird dauern wie sein Andenken.

Wien. Rudolf Ameseder.

Zur Erinnerung an Waldemar Conrad.

An den Folgen einer Lungenentzündung, die er sich im Sanitätsdienst zuge-
zogen hatte, starb am 10. Juli 1915 Dr. Waldemar Conrad, Privatdozent der Philo-
sophie in Dresden. Er stand im 38. Lebensjahr, als ihn der Tod ereilte. Sein Vater
war der berühmte hallische Nationalökonom, sein Großvater mütterlicherseits der
Bonner Philolog Friedrich Ritschi. Von beiden hatte er nicht nur die Liebe zur
Wissenschaft, sondern auch die Gründlichkeit des Arbeitens, die Fähigkeit zur Ver-
senkung in einen Gegenstand geerbt. Daneben aber waren ihm künstlerische Gaben
verliehen, insbesondere ein dichterisches Vermögen, das sich in Märchen und Dramen
äußerte. Im ganzen betrachtet erschien Conrad als eine Künstlernatur, die gleichsam
gedämpft wurde durch die notwendige Rücksicht auf eine sehr zarte Gesundheit
und die anderseits gehemmt wurde durch die wissenschaftliche Tätigkeit, der er mit
Pflichttreue und Gewissenhaftigkeit oblag. Den ästhetischen Untersuchungen, die
er in den letzten zehn Jahren bevorzugt und größtenteils in dieser Zeitschrift ver-
öffentlicht hat, kam die künstlerische Richtung seines Wesens zugute: sie werden
wegen der in ihnen enthaltenen sehr feinen Beobachtungen und Zergliederungen
dauernden Wert behalten. M. D.
loading ...