Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 11.1916

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80 BESPRECHUNGEN.

oft auch aber schon während der Nacht, ja selbst im Traum. Bisweilen führt der
Eintritt der Inspiration zu wirklichem Schlafwandeln, in dem der Inspirierte seine
Einfälle niederschreibt, ohne sich später dessen entsinnen zu können. Der Unter-
schied zum geistigen, absichtlichen Schaffen des wachen Menschen ist allerdings,
wie der Verfasser meint, nicht so groß; auch der wache geistige Arbeiter schließt
sich geflissentlich gegen außen völlig ab, die Zerstreutheit des schöpferisch Tätigen
ist nichts als ein tiefes Versenken in die eigene Gedankenwelt, aus der er durch
äußere Störungen nicht »geweckt« zu werden wünscht. Jedenfalls gehört, führt
der Verfasser weiter aus, zu jedem geistigen Schaffen eine »produktive Stimmung«,
soll etwas Ersprießliches dabei herauskommen. Oft wird diese durch äußere An-
regungsmittel, wie etwa Alkohol, Narkotika, besonders Tabak herbeigeführt, manch-
mal aber auch, sei es zufällig, sei es absichtlich, durch äußere Reize, wie kaltes
Wasser und dergleichen. Selbst Fieber und Irrsinn regt manchmal zur künstleri-
schen Hervorbringung an, und starke seelische Erschütterungen setzen sich bei dem
entsprechend Veranlagten nicht selten in künstlerische Leistungen um. Inspiration
wird auch durch den Genuß von Kunstwerken eines anderen Gebietes ausgelöst,
so werden besonders, und nicht bloß von Dichtern, beim Anhören von Musik
Farben, Landschaften und Begebenheiten vorgestellt, die oft genug dem Vorstellen-
den als die eigentliche Quelle seines Genusses gelten. Schließlich wirken oft auch
zufällige Ereignisse durch Assoziationen oder vermöge eines sonst wirksamen Zu-
sammenhanges anregend auf die schöpferische Kraft.

Der Zustand des Inspirierten gleicht am meisten dem Rausche, er ist oft von
großer Heftigkeit der Erregung, ja dem Wahnsinn nicht unähnlich. Die Leistung
erfolgt dabei manchmal mit so großer Geschwindigkeit, daß die Hand des Schreiben-
den dem Fluß seiner Gedanken gar nicht zu folgen vermag. Häufig tritt bei diesem
raschen Ablauf der Vorstellungen sogar der Eindruck ein, daß die Vorstellungen
von außen, von jemand anderem dem sie Erlebenden vermittelt werden, daß er
nur schreibt, was ihm ein anderer, sein »Daimonion«, zuflüstert.

Es ist schade, daß sich der Verfasser nur über die Inspiration großer Männer
hat berichten lassen. Wie er selbst ausführt, haben ja gerade einige der Größten
die Inspiration ganz in Abrede gestellt, so Bach und Lessing. Es wäre gar nicht
ausgeschlossen, daß auch recht blutige Dilettanten Inspirationszustände erleben
könnten und daß, was in solchem Zustande geleistet wird, auch recht minderwertig
sein könne. Mit solcher Feststellung wäre wenigstens die geheimnisvolle Maske
von dem anspruchsvollen Antlitz der »Inspiration« gerissen.

Wien. Rudolf Ameseder.

Robert Roetschi, Der ästhetische Wert des Komischen und das Wesen
des Humors. Neue Berner Abhandlungen zur Philosophie und ihrer Ge-
schichte. Herausgegeben von R. Herbertz, Bern. Verlag von A. Francke,
1915. 8°. 116 S.
Die vorliegende Schrift will erstens »für eine Auffassung des Komischen plä-
dieren, die den ästhetischen, den kontemplativen Wert der Komik voll und ganz zu
würdigen weiß und die erkennt, wie der Mensch neben dem unreinen, schaden-
frohen Lachen des praktischen Alltagslebens doch auch eines edleren, rein beschau-
lichen, versöhnlichen Lachens fähig ist«. Zweitens »möchte dieser psychologische
Versuch einen Beitrag liefern zur Psychologie des Humors, insofern dieser nicht
einfach eine Unterart des Komischen darstellt, sondern einen ganz eigenartigen, be-
sonderen Typus der Lebensstimmung und Gemütsverfassung«. Drittens will er
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