Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 11.1916

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BESPRECHUNGEN. 89

zahlreiche Sezessionsausstellungen schmückten, deswegen auch eine Krankheits-
erscheinung? Oder andere Beispiele: »Die Kunstschriftstellerei setzte ein und machte
bald jedes Bild verdächtig, das inhaltlich etwas sagte, das aus der Geschichte unseres
Volkes schöpfte, oder gar an unser patriotisches Empfinden und überhaupt an das
Gemüt appellierte. Der im Kreise der Intellektuellen und Modernen besonders
hochgeschätzte Lichtwark hat in dieser Richtung einen großen Einfluß ausgeübt.«
Oder: »Mit Unbehagen habe ich es längst empfunden, daß man an wichtige Stellen
im Berliner Kunstleben Ausländer berufen hat. Es waren darunter Schweizer,
deutsche Schweizer, zum Teil hervorragende Gelehrte, wie H. von Tschudi. Die
Wissenschaft fragt nicht nach der Herkunft, und das mit Recht. Aber wenn es
sich um Stellen handelt, die Einfluß auf unser Kunstleben, unser Volkstum üben,
so darf man wohl den Wunsch äußern, daß dort Männer stehen, die fester, als es
der Fremde vermag, in unserem Volkstum wurzeln . . .« Ist es nicht beschämend,
den Verfasser darauf aufmerksam machen zu müssen, daß wir gerade Tschudi die
Jahrhundertausstellung deutscher Kunst verdanken, die herrlichste Ehrenrettung
deutscher Kunst! Und Lichtwarks Verdienste heute noch zu bezweifeln, das scheint
geradezu unverständlich. Wenn sich aber der Herr Verfasser darüber unterrichten
will, daß Lichtwark keineswegs das »Inhaltliche« vernachlässigte, so kann er sich
mühelos davon überzeugen in den »Übungen in der Betrachtung von Kunstwerken«:
er braucht bloß die sieben Seiten über das Bildnis des alten Kaisers von Lenbach
zu lesen. Aber auch Wölfflin erscheint verdächtig. Er hat »eine ganze Schule
jüngerer Kunsthistoriker gebildet, die unverkennbar mit tüchtigem Wissen die Ab-
sicht, in die Kunstpolitik der Gegenwart, und zwar im Sinne des Meisters einzu-
greifen, vereint. Diese jungen Fachmänner hat man ganz allmählich in die Ver-
waltung der städtischen Galerien zu bringen gewußt, und von der Leitung städti-
scher Galerien ist der Zugang leicht zu den Staatsgalerien. Man hat sich sehr
richtig in jenen Kreisen der Kunsthändler und Intellektuellen gesagt, daß man am
wirksamsten Bresche in die ihnen entgegenstehende Mauer legt, wenn man für
einen Nachwuchs nach eigenem Geschmack sorgt, der allmählich die öffentlichen
Kunstsammlungen in die Hand bekommt. Als Leiter der Museen haben sie Füh-
lung zum Kunsthändlertum, und ihre Prädisposition für das Streben ,der Moderne'
läßt sie dann leicht in Abhängigkeit von diesem Kunsthändlertum gleiten.« Ich will
die Wucht dieser Sätze durch keine Kritik schwächen. Der Krieg zeitigt ja manche
Entgleisungen in Geschmacksfragen, wie eingestickte eiserne Kreuze auf Pantoffeln
oder Taschentücher mit dem Hindenburg-Bildnis. Die deutsche Kunst ist kräftig
genug, derartige Erzeugnisse zu überwinden, auch dann, wenn der sie erfüllende
Geist gelegentlich in einem Vortrage sich entlädt, wie in dem Adalbert Matthaeis.
Rostock.

Emil Utitz.

Ernst Troß, Das Raumproblem in der bildenden Kunst. Kritische
Untersuchungen zur Fiedler-Hildebrandschen Lehre. Delphin-Verlag, Mün-
chen, 1914. 116 Seiten.
Eine systematische Verarbeitung der fruchtbaren Gedanken, die in den Schriften
Fiedlers und Hildebrands niedergelegt sind, fehlt bisher. Sie gehört zu den wich-
tigsten Desideraten der modernen Ästhetik und Kunstwissenschaft. Auf die Arbeit
Konnerths folgt als zweiter Versuch in dieser Richtung die Schrift von Troß. War
Konnerths Buch noch Vorarbeit, so geht dieses schon bedeutend näher an die Pro-
bleme heran. Das Wichtigste, die Einreihung der neuen Erkenntnisse in das System
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