Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 11.1916

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208 BESPRECHUNGEN.

Erwin Panofsky, Dürers Kunsttheorie. Berlin 1915, Verlag von G.Reimer.
8°. 209 S.

Das Buch zerfällt in die beiden Hauptteile der praktischen und der theoretischen
Kunstlehre Albrecht Dürers. Zunächst werden die Probleme der Perspektive, der
Anatomie des Körpers, der Proportion aufgeworfen, wie sie sich Dürer darstellen.

Der zweite Teil, der Dürers Ästhetik, seine theoretische Kunstlehre, enthält,
bringt vor allem eine Entfaltung des Schönheitsbegriffs und darüber hinausgehend
eine Vergleichung der Beziehungen zwischen Natur und Kunst bei Dürer und bei
Lionardo. Während in Dürers Kunstauffassung »immer stärker das Gefühl für einen
Gegensatz zwischen Gesetz und Wirklichkeit hervortrat« (S. 187), fühlte sich Lio-
nardo »durch die Erfahrung mit der Natur geradezu verbunden«. »Die Wirklichkeit,
die in den Augen eines Dürer oder eines an Plato geschulten Weltbetrachters das
schlechthin Zerstreute, Vielfältige und Unnotwendige bedeutet, die selbst von einem
mit der Welt so innig harmonierenden Geist wie Raffael nicht so wie sie ist, hin-
genommen werden kann . . . Diese Wirklichkeit hat sich dem Blicke Lionardos als
etwas bereits in sich Notwendiges dargestellt« (S. 196 f.).

Das Buch Panofskys, das neben scharfsinniger Ausdeutung der Dürerschen Kunst-
auffassung helle Streiflichter über die verwandte Kunsttheorie der Italiener wirft,
ist ein neuer Beweis für die Notwendigkeit systematischer Betrachtung, die an die
Stelle historischer Darstellung zu treten hat, sofern man, vom Einzelwerk abweichend,
Klarheit über das Wesen einer Kunstperiode gewinnen will.

Berlin. Alfred Werner.

Julius Pflüger, Die Formschönheit einfacher geometrischer Geb il de
Stuttgart, Verlag der J. B. Metzlerschen Buchhandlung, 1915. 8°. 47 S.
Der Leser wird dem Titel zufolge wohl experimentelle Untersuchungen er-
warten, aber gleich die einleitenden Worte machen darauf aufmerksam, daß der
Gedankengang des Buches »von spekulativ-metaphysischen, also nicht beweisbaren,
somit auch immer bestreitbaren Erwägungen« ausgeht, »aber sofort in die sichere
Heerstraße rechnerischer Ausführungen« mündet. Meiner Ansicht nach nützt diese
sichere Heerstraße gar nichts, wenn sie nur in die Irre leitet. Auf schwankende
und ungeklärte Grundlagen mathematische Formeln aufbauen, heißt einen Schein
von Exaktheit vortäuschen, der mit dem eigentlichen Sachverhalt wenig zu tun hat.
Der Charakteristik des Buches diene nun eine kurze Angabe seines Inhalts: Die
ästhetische Befriedigung beruht auf der außerlogischen Erkenntnis unseres Unter-
bewußtseins, daß die beschaute oder vorgestellte Form ihrem innersten Wesen nach
zweckmäßig ist. Dieser Satz wird nicht bewiesen, sondern gilt als dogmatische
Voraussetzung. Welches ist nun der Zweck einer in sich geschlossenen Linie in
einer Ebene? Der Verfasser antwortet: Flächenwirkung. Dieser Zweck wird am
vollkommensten erreicht, wenn der Umriß eines ebenen Grundgebildes, wie z. B.
Rechteck, Dreieck, bei gegebener Länge eine möglichst große Fläche einschließt.
Nach dieser auf unbewußtem Erkennen der inneren Zweckmäßigkeit einer Grund-
form fußenden Theorie ist der Kreis die absolut schönste ebene Figur; denn be-
kanntlich hat die Kreislinie die Eigenschaft, daß sie bei gegebener Länge die größt-
mögliche Fläche umfaßt. Pflüger schränkt dieses Ergebnis ein: »ich will nicht
unterlassen, anzumerken, daß geometrische Figuren niemals im eigentlichen Sinne
schön sind, denn sie ermangeln des geistigen Gehalts, welcher auch das unschein-
barste wirkliche Ding erfüllt.« Theodor Lipps und manche andere haben uns ge-
zeigt, daß Linien und geometrischen Figuren »geistiger Gehalt« nicht fehlt und
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