Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 11.1916

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352 BESPRECHUNGEN.

nach einer Weise sucht, ihr näher und näher zu kommen, um durch ihre Schönheit
beglückt und durch ihre hohen ethischen Werte als Mensch bereichert zu werden,
dem ist auch diese Schrift zu nennen, nicht nur dem die Literatur verarbeitenden
Kunsthistoriker.

München. Georg Schwaiger.

C. H. Stratz, Die Darstellung des menschlichen Körpers in der
Kunst. Mit 252 Textfiguren. Berlin, Verlag von Julius Springer, 1914. 8°-
X und 322 Seiten.

Über die Absicht dieses Buches belehrt am besten das kurze Vorwort: >Mein
Buch fängt an, wo die Naturwissenschaft in der Regel aufhört, und hört auf, wo
die Kunstwissenschaft anfängt. Da dieses Grenzgebiet schon zuweilen betreten
wurde, da so manche von Anatomen und Ärzten gemachte Bemerkungen still-
schweigend ihren Weg in die Kunstwissenschaft gefunden haben, schien es mir
wünschenswert, eine naturwissenschaftliche Kunstbetrachtung in zusammenfassender
Darstellung zu geben, welche der Kunstwissenschaft wohl ebensogut zustatten
kommen kann, wie den ausübenden Künstlern. Weiteren Kreisen soll dieses Buch
ein besseres Verständnis für den menschlichen Körper in Kunst und Natur und
jene Unbefangenheit bei seiner Betrachtung bringen, die heute fast nur Ärzte und
Künstler besitzen.« Es ist selbstverständlich eine periphere Betrachtung, wenn wir
die Kunst unter dem Gesichtswinkel der Naturwissenschaft ansehen. Aber der an-
gehende Künstler studiert Anatomie der äußeren Körperformen, nicht um die Ergeb-
nisse dieses Studiums sklavisch anzuwenden, sondern um sie nach seinen Bedürf-
nissen zu verwerten und vor allem auch, um durch sie zu lernen. Darum erscheinen
mir auch derartige Werke recht nützlich, besonders wenn sie von einer so guten
Sachkenntnis getragen werden, wie sie Stratz besitzt, und so verschwenderisch reich
mit vortrefflichem Anschauungsmaterial ausgestattet sind. Sehr dankbar begrüße
ich die verschiedenen Gegenüberstellungen von Kunstwerk und Modell: sie dienen
gewiß einer Erziehung zur richtigen Formbewertung nicht im Sinne eines pedanti-
schen Naturalismus, sondern in der Bedeutung, daß gerade durch die Abweichungen
des Kunstwerks die Formeigenart geklärt wird.

Rostock. Emil Utitz.
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