Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 14.1920

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II.
Die Deutung des Homunkulus in Goethes Faust.

Von

Carl Enders.

Eine klassische Schrift muß nie ganz verstanden
werden können. Aber die, welche gebildet sind und
sich bilden, müssen immer mehr daraus lernen wollen.

Friedrich Schlegel, Lyzeumsfragmente Nr. 20.

1.

Es kann nicht bestritten werden, daß die Deutung des Homun-
kulus einer der Angelpunkte für die Erklärung des 2. Teils von Goethes
Faust ist. Er spielt eine entscheidende Rolle sowohl im äußeren Gang
der Handlung, d. h. in der ursächlichen Verknüpfung der Ereignisse
in sich, wie in der Entfaltung der Idee oder, besser gesagt, der Ideen-
welt, welche in der Dichtung lebendig wird. Zunächst im Gang der
Handlung: Der Erzeugung des chemischen Männleins liegt ursprüng-
lich die Absicht Mephistos zugrunde, Faust durch die Beschäftigung mit
einem der elementarsten Rätsel des denkenden und schaffenden Menschen-
geistes abzulenken von einer Richtung seines Wollens, in welcher
Mephisto fürchten muß, ihm mit seiner Macht nicht viel helfen zu
können und dadurch seinen Einfluß zu verlieren. Nun zeigt sich
Homunkulus aber befähigt, Faust gerade in dieser Richtung zu dienen,
und wird daher der Führer zu jenen Regionen geistigen Lebens, die
Mephisto so fremd sind. Der Schalk muß zusehen, wie er sich in
diese Lage hineinfindet und nach Möglichkeit seinen vertraglichen
Pflichten gegen Faust nachkommt. In der »klassischen Walpurgis-
nacht«, die Faust den Weg zu Helena eröffnet, übernimmt dann Homun-
kulus für weite Strecken die Führung der Handlung, einer Handlung,
die zwar unmittelbar nichts zu tun hat mit Fausts Geschick, aber doch
eine gewisse Parallele zu dessen seelischer Entwicklung darstellt.

Ebenso ist Homunkulus von Bedeutung für die Durchführung des
ideenhaften Gehalts. Nachdem Faust die kleine Welt egoistischer trieb-
hafter Genüsse nicht nur unbefriedigt, sondern in seinen Ansprüchen
an das Wesen des Genusses anspruchsvoller, geläuterter, überwunden
hat, soll er von der Sehnsucht nach dem Bild höchster Schönheit zum
Besitz Helenas als der Verkörperung dieses im Griechentum wirklich
gewordenen Ideals geführt werden. Nur ein geistiges Wesen, ein
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