Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 14.1920

Page: 113
DOI article: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/zaak1920/0117
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile


IV.

Erkenntnis und Poesie.

Von
Theodor A. Meyer.

Die Poesie ist eine geistige Kunst, ihr Darstellungsmittel, die Sprache,
ein geistiges Mittel, und deshalb hat in ihr auch das Geistigste, was
im Haupt des Menschen entspringt, Kenntnisse und Wahrheiten aller
Art, eine breite Stätte. Man sagt zwar, die Poesie bewege sich wie
alle Kunst im Konkreten und Anschaulichen, im Individuellen und
Sinnlich-Gegebenen, die Erkenntnis aber sei abstrakt, unsinnlich, allge-
mein, sie könne deshalb in die Poesie nur eingehen, soweit sie sich
aus dem Abstrakten und Übersinnlichen ins Sinnliche und Anschau-
liche umsetzen lasse; indes straft jedes Blatt einer größeren Dichtung
oder jeder Sammlung von Gedichten diese Behauptung Lügen. Epos,
Roman und Drama sind seit den ältesten Zeiten voll von allgemeinen
Gedanken, von Erörterungen über alle Fragen des Lebens, von Be-
obachtungen über Menschen und Seelenleben, von Sentenzen über Gott
und Welt. Der Lyriker spricht seine Weltanschauung, seine religiösen,
sittlichen und künstlerischen Grundsätze in Hymnen und Liedern aus.
Er läßt in Sprüchen und Gnomen das Licht seiner Erkenntnis auf-
leuchten. Aber mögen diese dichterischen Erkenntnisse mitunter wohl
auch in sinnliche Bilder gekleidet sein, das macht noch lange nicht,
daß dadurch die in ihnen enthaltene Wahrheit konkret und sinnlich
wird, und zahlreiche Wahrheiten verschmähen den Reiz des sinnlichen
Bildes, ohne darum des poetischen Wertes bar zu sein. Solange die
Wahrheiten in der Form allgemeiner Gedanken ausgesprochen werden,
lassen sie sich überhaupt nicht versinnlichen; das widerstreitet ihrem
Wesen und Begriff.

Die viel angeführten Schillersentenzen, »Was ist die Mehrheit, Mehr-
heit ist der Unsinn, Verstand ist stets bei wenigen nur gewesen«
und »Der brave Mann denkt an sich selbst zuletzt« sind im Mangel
jeglicher sinnlicher Färbung der Worte nicht allzu verschieden von
den wissenschaftlichen Erkenntnissen: »Zwei mal zwei ist vier« und
»Die Römer sind das größte Eroberungsvolk der alten Geschichte«.
Und doch sind die beiden letzten Sätze bare Prosa, die jede Möglich-

Zeitschr. f. Ästhetik u. allg. Kunstwissenschaft. XIV. 8
loading ...