Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 14.1920

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288 BEMERKUNGEN.

Streit zwischen Naturwissenschaft und Kulturwissenschaft ausmachen'). Für unsere
Zwecke lassen wir es uns genug sein an dem Gewonnenen und» bemerken nur
noch, daß lediglich von Regelmäßigkeit und Gesetzmäßigkeit der Form die Rede
ist, insbesondere der Form architektonischer Gestaltung, und hierauf allein kommt
es uns an.

Wir fassen das Ergebnis dahin zusammen: Die regelmäßige Bildung ist sinn-
licher Ausdruck der Funktion. Die Gesetzmäßigkeit ist Ausdruck von Energien,
Symbol eines Kräftespiels.

Damit ist ein Ausgangspunkt gewonnen zur Erkenntnis der formalen Polarität
hellenisch-klassischer und germanisch-nordischer architektonischer Gestaltung. Nur
ein Ausgangspunkt allerdings, keineswegs eine Erschöpfung des hier ruhenden
Gegensatzes, über den an anderer Stelle noch zu sprechen sein wird.

Die Begrenzung von Epos und Drama in der Theorie

Otto Ludwigs.

Von

Friedrich Kreis.

Die theoretischen Schriften Otto Ludwigs sind erst nach des Dichters Tode
an die Öffentlichkeit getreten; zunächst gab Moritz Hcydrich Leipzig 1872 unter
dem Titel »Otto Ludwig: Shakespearestudien, aus dem Nachlasse des Dichters heraus-
gegeben« tagebuchähnliche Aufzeichnungen des Dichters in chronologischer Reihen-
folge heraus. Diese Ausgabe, die den größten und wichtigsten Teil des handschrift-
lichen Nachlasses, allerdings mit Ausschluß der epischen Studien, enthält, fand dann
eine wertvolle Ergänzung in »Otto Ludwigs gesammelten Schriften« (herausgegeben
von Adolf Stern und Erich Schmidt; 6 Bände, Leipzig o. J. [1891/92]). In dieser Aus-
gabe enthalten Band 5 und 6 die »Studien und kritischen Schriften« (mit einem Vor-
bericht von Adolf Stern). Band 5 enthält mit nur wenigen Ergänzungen die bereits
von Heydrich veröffentlichten Shakespearestudien; neu in dieser Ausgabe ist die
Anordnung des Stoffes. A. Stern hat den Versuch gemacht, das ungeheuere, fast
chaotische Material, das in dieser durchaus unsystematischen Gestalt von Otto Ludwig
selbst wohl niemals veröffentlicht worden wäre, wenn auch nicht in ein System zu
bringen, so doch nach gewissen inhaltlichen Prinzipien anzuordnen; so stellt er zu-
sammen die Shakespearestudien im engeren Sinne, die Analysen einzelner Dramen
Shakespeares und Schillers, die dramaturgischen Aphorismen, die den Reinertrag der
Shakespearestudien enthalten sollen. Wenn diese Anordnung auch ganz glücklich
ist, so beweist sie anderseits doch, daß sich die Shakespearestudien trotz ihrer
inneren organischen Einheit infolge ihrer äußeren formalen Unabgeschlossenheit, die
der vorzeitige Tod des Dichters verschuldet hat, niemals mehr in ein System bringen
lassen-). Band 6 enthält neben allgemein-ästhetischen Aphorismen, Gesprächen
und Briefen die für uns wichtigen Romanstudien. Eine knappe Zusammenstellung

') Vgl. dazu die Arbeiten von Rickert, Lamprecht u. a., vor allem aber Bern-
heim, Lehrbuch der historischen Methode, 3. Aufl., Leipzig 1903, S. 94 ff.

=) Neuere Herausgeber wie Bartels und Eloesser haben denn auch an der
Sternschen Anordnung des Textes nichts mehr geändert.
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