Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 14.1920

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III.
Wilhelm von Scholz als Theoretiker des Dramas.

Von

Heinrich Merk.

Dem Schaffen des Künstlers, das sich mit triebhafter, instinktiver
Sicherheit betätigt, kann Großes gelingen, aber das Größte wird ihm
versagt bleiben. Der schöpferische Wille, der zu den erhabensten
Zielen emporstrebt, braucht den führenden, zielschaffenden Gedanken.
Wir sehen daher, wie sofort das Nachdenken über Mittel, Wege und
Aufgaben der Kunst einsetzt, sobald sich ein Dichter der höchsten
Kunstform, dem Drama, zuwendet. Man hat diese intellektuellen Be-
strebungen nicht immer gebührend zu würdigen gewußt; manche sahen
darin nur müßige Theorien, gewissermaßen eine Zeit- und Kraftver-
geudung — aber man mußte sich damit abfinden. Denn gerade unsere
bedeutendsten Geister hatten nun einmal das Bedürfnis, ihre Kraft auch
intellektuell zu vergeuden. Es liegt hier zweifellos ein Problem ver-
borgen. Bereits Wilhelm v. Humboldt spricht in seinem Versuch über
Schillers Geistesentwicklung von den Hindernissen, welche »zu mächtig
angeschwollene Ideenbeschäftigung und zu deutlich gewordenes Be-
wußtsein entgegensetzten«.

Wilhelm v. Scholz, der als Lyriker wie als Dramatiker in der
zeitgenössischen Dichtung Sitz und Stimme hat, entfaltete seit seinen
ersten Anfängen eine reiche literar-ästhetische Tätigkeit. In grundlegen-
den Essays hat er sich um ein tieferes Verständnis Günthers, der Droste
und Hebbels bemüht; in dem Sammelwerk »Deutsche Dramaturgie«
sucht er das Gedankengut unserer Dramatiker für die Bühne flüssig
zu machen; vornehmlich aber durch seine Theorien zur Lehre vom
Drama hat er in den zuständigen Kreisen Beachtung und Anerkennung
gefunden. Ein Beurteiler kam sogar zu dem achselzuckenden Ergeb-
nis: »— vielleicht weiß er zu viel für einen Dichter.« Das drama-
turgische Denken von Scholz entwickelte sich an dem Problem Friedrich
Hebbel (»Friedrich Hebbel« — in der Sammlung »Die Dichtung« von
P. Remer). Seinen ersten selbständigen Ausdruck fand es in den
»Gedanken zum Drama« (1905 bei Gg. Müller, München). Die Fort-
setzung, Ergänzung und Vollendung dieses Buches sind die »Gedanken
zum Drama, neue Folge« (1915 ebenda). Man hat sich bisher meist
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