Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 14.1920

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Bemerkungen.

Über den Maßstab in der bildenden Kunst.

Von
Walter Thomä.

Einen »Beitrag zur Geschichte des Maßstabproblems« gibt Karl Neumann im
Repertorium für Kunstwissenschaft 1916 unter dem Titel: »Die Wahl des Platzes für
Michelangelos David« usw.

Der David Michelangelos war von den Auftraggebern ursprünglich für den
Florentiner Dom bestimmt. Kaum war die Arbeit fertig, so machte sich eine Be-
wegung geltend, die Figur dem Dom zu entziehen und anderwärts aufzustellen, und
es ist zu vermuten, daß Michelangelo selbst der Vater dieses Gedankens war, nicht
nur in »politisch-moralischer Absicht«, wie Vasari behauptet, sondern aus künstle-
rischen Rücksichten. Sicherlich hat irgend jemand, wahrscheinlich aber er selbst
in seinem Bericht an den Rat gegen die Aufstellung am Dom Einspruch erhoben.
Auf diesen Bericht hin, der uns verloren gegangen ist, wurde ein Ausschuß aus
etwa dreißig florentinischen Künstlern gebildet und ihre Gutachten wurden proto-
kolliert. Einige blieben bei der Aufstellung am Dom, andere waren für den Rats-
palast, einige für die Loggien. Aber immer wieder wurde der Ruf nach dem Autor
laut, der selbst am besten darüber entscheiden könne. Michelangelo nahm an der
Sitzung nicht teil, zeigte sich auch nicht und wartete anscheinend den Regierungs-
beschluß ab, der für die Aufstellung vor dem Ratspalast entschied. Mag er nun
dabei mitgesprochen haben oder nicht, das Ergebnis hat sicherlich seinen Wünschen
entsprochen. Auch war er der Überzeugung, daß Donatellos Judith, die auf dem
Platze stand, durch den David zu ersetzen sei.

Die künstlerischen Gründe für Michelangelos Verhalten sieht Neumann
in einer maßstäblichen Verrechnung der Figur mit ihrem architektonischen Hinter-
grunde, in einem Sieg antiker Gesinnung über die bisherige gotische. Die Alten
kannten am Gebäude nur die commodulatio der Teile, die Gotiker aber nahmen
Rücksicht auf menschliches Bedürfen. Hierin sah schon der Franzose Lassus (1845)
eine Verschiedenheit in der Maßstabempfindung beider Stilrichtungen, und die
Wiedergeburt des antiken Prinzips ist auch bestimmend für die Wahl des Platzes
zum David, und später noch für die anderen Maßregeln, welche mit der Anbringung
der Figuren an der sixtinischen Decke und an den Mediceergräbern verbunden sind.
Das Jahr 1504 aber ist nach Neumann der Zeitpunkt, an dem dies neue, dem
antiken verwandte Empfinden zum ersten Male in der neueren Kunstgeschichte zur
Geltung kommt.

Die Anschauungen über relativen und absoluten Maßstab bedürfen einer Nach-
prüfung. Ich liefere hier einen Beitrag dazu. Ich beginne mit den allgemeinsten
Grundsätzen, nach denen der Maßstab, vornehmlich in der Baukunst, sich eine Mit-
wirkung im Gesamteindruck sichert.
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