Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 14.1920

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I.
Georg Simmel und die Philosophie der Kunst.

Von
Emil Utitz.

Der Herausgeber dieser Zeitschrift hat an mich die ehrende Auf-
forderung gerichtet, in Form eines Nachrufes Georg Simmeis Kunst-
philosophie zu würdigen. Ich habe Georg Simmel nicht gekannt, ja
ich habe ihn niemals sprechen gehört. Sachlich stehe ich seinem Werk
in vieler Hinsicht fern. Wenn ich mich trotzdem entschloß, der Ein-
ladung des Herausgebers Folge zu leisten, so überwand der Gedanke
alle Hemmungen, daß es vielleicht angebracht ist, nach den vielen Auf-
sätzen, die beredt die Persönlichkeit des Dahingeschiedenen gefeiert
haben, auch einmal ganz nüchtern zu schildern, welches Dbe Simmel
unserer Wissenschaft hinterlassen hat.

Es gibt zwei Arten segensreicher Erbschaften. Die erste läßt sich
leicht ausdrücken und berechnen durch greifbare Werte: Geld, Grund-
stücke, Häuser usw. Die zweite ist nicht so einfach faßbar: sie besteht
z. B. in einer sorgfältigen Erziehung, vortrefflichen Ratschlägen, in dem
Vorbild eines makellosen Lebens. Vom Erben hängt es nun ab, ob
und wie er diese Schätze ausnützt: den Vorzug der Erziehung, die
Weisheit des Rates, die Richtlinien aus jenem Dasein.

Durchmustert man das Erbe Simmeis für die Kunstphilosophie,
so ist es vorwiegend eines der zweiten Art: weniger festes Ergebnis,
geprägte Münze, als: Aufgabe, Problem, Weckruf und Ziel Weisung.
Wir wollen darum auch damit beginnen. Obgleich wir mit dem unserer
Wissenschaft zugefallenen Erbe uns möglichst zu bescheiden streben,
werden wir doch hier und da auf die Gesamtleistung Simmeis wenig-
stens hinblicken müssen. Denn er war ein Feind jeder atomisierenden
Zerstückelung; mit einer geradezu religiösen Verehrung kündete er
immer und immer wieder das Wunder der Einheit alles Lebens, die
Einheit der Persönlichkeit. Alles, was er schuf, mag es im einzelnen
noch so hart einander widerstreiten, wurzelt in der dunklen Tiefe eines
einzigartigen und einheitlichen Wesens. Alle seine Schriften sind
•ediglich die schöpferische Entfaltung dieses Seins, Pulsschläge seiner
Lebensbewegtheit. Man darf wohl sagen: Simmel hat uns die Philo-

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