Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 14.1920

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EMIL UTITZ.

sophie in seinem Werke »vorgelebt«. Der funktionelle Charakter der
Philosophie, den er vertrat; in ihm wurde er Tat und Wirklichkeit.
Und das ist das Hinreißende, Aufrührende und vielleicht auch Gefähr-
liche seiner Bücher und Aufsätze: sie offenbaren weniger Philosophie
im Sinne eines systematisch geordneten, ineinander verzahnten Begriffs-
systems, als Philosophieren in der Form eines ruhelosen Werdens und
Garens, das eines Denkens sich bedient, reich befruchtet von der
ganzen Weite eines Menschen, der erschauernd nimmer müde mit allen
Dingen dieser Welt ringt, mit ihren geringfügigsten und größten.

Sein letztes Buch trägt den Titel »Lebensanschauung«. In diesem
Wort sind die beiden Grundtatsachen vermählt, die Simmel stets an-
betete: das »Schauen« und das »Leben«. Gewiß galt seine Leiden-
schaft dem Denken; nicht so sehr der fertigen Erkenntnis, sondern
dem Denken als Prozeß, in dem sich ihm das Schauen kristallisierte,
ihm bewußt ward, und durch das er lebte. Indem sein Leben Denken
war, alles Leben in dieses Denken einströmte, um in ihm Form und
Gestalt, Wort und Bild zu werden, behielt dieses Denken auch noch
auf den eisigsten, höchsten Gipfeln der Abstraktion Glanz und Wärme,
jenen Hintergrund unausschöpfbarer, ewig rätselvoller Irrationalität, die
als stolzeste und zugleich verhängnisvollste Gabe allem Lebendigen
eignet. Indem aber sein Denken immer vom Leben umschlungen,
durchglüht, aufgepeitscht oder gezügelt erscheint, wird es nicht reines
Erkennen: es bleibt Bekenntnis, Dokument einer bestimmten Persön-
lichkeit. Das wissenschaftliche Ergebnis und überhaupt die Wissen-
schaft sind dabei — man verzeihe mir dieses harte Wort — etwas
letzthin Zufälliges, gar nicht in erster Linie Angestrebtes und Gewolltes.
Ob der Gegenstand Kant oder Rembrandt heißt, er ist nur ein Sprung-
brett, von dem aus Simmel aufschnellt, um sich auszuleben in der Form
seiner Geistigkeit. In ihrem Auswirken wird allgemein Gültiges ge-
funden und auch bewiesen, aber nur, weil es gerade in der Richtung
dieser Bewegtheit liegt. Man denkt dabei an Goethe, dem Simmel
eines seiner vorzüglichsten Werke gewidmet hat. Aber es ist nicht
der Goethe, von dem Simmel so ergreifend sagt: die Art, »wie Goethe
seinem eigenen Leben im Alter gegenüberstand, ist die großartigste
Objektivierung des Subjekts ..., von der wir wissen. Denn nicht nur
die Vergangenheit, die er als abgeschlossen ansehen konnte, war ihm
ein reines Bild geworden. Sondern der eben erlebte Tag war ein
solches, ja, der Moment des Erlebens selbst war ihm ein objektives
Geschehen, nicht nur im Sinne der gleichzeitigen Selbstbeobachtung,
der Spaltung des Bewußtseins, die sicher oft gar nicht bestand, wenig-
stens nicht mehr als bei vielen anderen Menschen auch; vielmehr, der
innere Ton des Erlebens, die Art, wie es subjektiv unmittelbar vorging
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