Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 14.1920

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XL

Der Begriff des Kunstwollens1).

Von
Erwin Panofsky.

Es ist der Fluch und der Segen der Kunstwissenschaft, daß ihre
Objekte mit Notwendigkeit den Anspruch erheben, anders als nur
historisch von uns erfaßt zu werden. Eine rein historische Betrachtung,
gehe sie nun inhalts- oder formgeschichtlich vor, erklärt das Phäno-
men Kunstwerk stets nur aus irgendwelchen anderen Phänomenen,
nicht aus einer Erkenntnisquelle höherer Ordnung: eine bestimmte
Darstellung ikonographisch zurückverfolgen, einen bestimmten Form-
komplex typengeschichtlich oder aus irgendwelchen besonderen Ein-
flüssen ableiten, die künstlerische Leistung eines bestimmten Meisters
im Rahmen seiner Epoche oder sab specie seines individuellen Kunst-
charakters erklären, heißt innerhalb des großen Gesamtkomplexes
der zu erforschenden realen Erscheinungen die eine auf die andere
zurückbeziehen, nicht von einem außerhalb des Seins-Kreises fixierten
archimedischen Punkte aus ihre absolute Lage und Bedeutsamkeit
bestimmen: auch die längsten »Entwicklungsreihen« stellen immer nur
Linien dar, die ihre Anfangs- und Endpunkte innerhalb jenes rein
historischen Komplexes haben müssen.

Die politische Geschichte, als Geschichte des menschlichen
Handelns gefaßt, wird sich mit einer solchen Betrachtungsweise zu-
frieden geben müssen — und auch zufrieden geben können: das
Phänomen der Handlung muß seinem Begriffe nach, d. h. als bloße
Verschiebung, nicht formende Bewältigung der Wirklichkeitsinhalte2),
durch rein historische Erforschung voll erschöpfbar sein, ja einer nicht
historischen Betrachtung widerstreben. Die künstlerische Tätigkeit aber
unterscheidet sich insofern von dem allgemeingeschichtlichen Geschehen

') Diese Ausführungen bilden in gewisser Hinsicht die Fortsetzung zu dem in
der Zeitschr. f. Ästhetik u. allg. Kunstwissenschaft, Jahrg. X, S. 460 ff. erschienenen
Artikel des Verfassers über »Das Problem des Stils in der bildenden Kunst«, dessen
Schlußabsatz in ihnen näher erläutert wird.

2) Vgl. Schopenhauers schöne Unterscheidung zwischen »Taten« und »Werken«
(Aphor. zur Lebensweisheit, Kap. IV).

Zeitschr. f. Ästhetik u. allg. Kunstwissenschaft. XIV. 21
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