Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 14.1920

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Über den Tonschatten').

Von

Josef G. Daninger.

Die folgende Untersuchung gilt einem Erlebnis auf dem Gebiete
des Gehörsinnes, das in die Gruppe der Nachempfindungen ge-
hört, und zwar soll dieses Erlebnis hier im Zusammenhange mit dem
lebendigen Kunstwerk behandelt werden. Das bekannteste Schul-
beispiel für das Erleben einer Nachempfindung auf dem Gebiete des
Gesichtssinnes liefert die im dunklen Räume im Kreise geschwungene
glühende Kohle. Wir nehmen nicht die einzelnen Lagen der Kohle
wahr, sondern sehen einen leuchtenden Kreis. Die Erklärung für
dieses Erlebnis gibt die Psychologie damit, daß mit dem Aufhören
des physischen Reizes nicht auch sofort die Empfindung aufhört,
sondern daß vielmehr der Lichteindruck, den wir von der glühenden
Kohle an der ersten Stelle empfingen, noch anhält, wenn die Kohle
bereits eine Nachbarlage eingenommen hat. Auf dem Gebiete des
Gehörsinnes brauchen wir nur hinzuweisen auf die Erscheinung des
Echo. Die echogebende Wand muß etwa 181,'-' rn vom Orte der
Schallerregung entfernt sein, damit die reflektierte Silbe von der gegen
die Wand gesprochenen getrennt wahrgenommen werden kann. Ein
anderes zu den folgenden Darlegungen in engerer Beziehung stehen-
des Beispiel: Wenn wir längere Zeit hindurch das Gerassel in der
Werkstätte einer Fabrik über uns haben ergehen lassen müssen und
hierauf ins Freie traten, so sind wir für einige Augenblicke taub für
kleine Geräusche.

Die Eigentümlichkeiten der Erscheinungen auf dem Gebiete des
Sinnes, durch den eine Kunst wirkt, stellen dieser besondere AufT
gaben. Zeigen sie sich zunächst vielleicht als Hemmungen einer un-
gebundenen Entfaltung, so können sie anderseits Gelegenheit geben,
besondere Aufgaben zu lösen. Wir wollen die Bedeutung der Nach-
empfindung in der Tonkunst.näher beleuchten, und zwar soll unsere
Untersuchung dem sogenannten Nachhall oder »Tonschatten« gelten,

') Vortrag, gehalten in der deutschen Gesellschaft für Altertumskunde in Pragi
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