Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 14.1920

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BEMERKUNGEN, 279

sollte erklärt werden, daß die heftigsten Strebungen, ja Verbrechen künstlerisch
wirken können, wenn nicht schon im Wesen, in der Entstehung der Kunst eine
Affinität zur Begierde läge, als deren heftigste Äußerungen solche Abnormitäten
sich darstellen. Nein, da ist eine entscheidende, psychologisch wesentliche Klufti
und das Ästhetische im weiteren Sinne ist eben nur Dienerin des Künstlerischen,
ein Hinlocken des Gemüts zu jener Höhe, wo dann eben »Lust« und »Unlust« auf?
hören und das »Erleben« beginnt; ein Luxusgefühl, eine Empfindung höheren, be-
wegteren Daseins. Lust und Unlust sind nur Stufen, nur Helferinnen der großen
schöpferischen Auseinandersetzung, die das Kunstwerk hervorbringt. Die reine
Begierde, die ewige Sehnsucht ist es, die das Künstlertum erzeugt«.

Fichte und die Lehre von der „romantischen Ironie".

Von

Carl Enders.

In ihrem Aufsatz »Die romantische Ironie» (in dieser Zeitschrift XIII [191Sf,
S. 270 ff.) will Käte Friedemann zeigen, daß die allgemeine Annahme einer Ein-
wirkung Fichtes auf die Lehre von der romantischen Ironie nicht richtig sei. Diese
Überzeugung wird ihr erweckt einmal »durch die Aussprüche der Romantiker über
das Wesen der Ironie, die nicht auf eine Verherrlichung des Ich, sondern im Gegen-
teil auf dessen Preisgabe an den Geist des Universums deuten, und zweitens durch
das gänzliche Fehlen irgendwelcher Hinweise darauf, daß hier tatsächlich ein Ein-
fluß Fichtes vorgelegen. Somit (schließt sie) scheint der von Hegel stammenden
und immer weiter verbreiteten Behauptung jeder sichere Boden entzogen zu sein:.

Ich kann diesen Ausführungen durchaus nicht beistimmen J). Vor allem scheint
mir ein methodischer Fehler vorzuliegen, wenn die Verfasserin sich für ihre Dar-
legungen auf die Aussprüche beschränkt, in denen das Wort Ironie vorkommt. Wo
würden wir in der Erforschung geistiger Zusammenhänge hinkommen, wenn wir
dieses äußerliche, hier als selbstverständlich vorausgesetzte Prinzip anerkennen
wollten? Welche lebensfremde Auffassung geistiger Lebensprozesse liegt dem zu-
grunde! Und dabei handelt es sich hier um eine Bewegung, welche das »Syrn-
philosophieren« auf ihr Banner geschrieben hat! Es kommt doch wahrlich nicht
auf das Wort an, sondern auf den ganzen Begriffskomplex, in dem ein Glied durch
dieses Wort bezeichnet wird. Die Ironie ist, wenn sie auch, was ja bei der ge-
wollten Vermischung aller geistigen Betätigungsweisen (Philosophie, Kunst, Moral)
bei Friedrich Schlegel selbstverständlich erscheint, nicht rein ästhetisch ist, doch aus
ästhetischen Betrachtungen heraus geboren. Und so müssen zum wenigsten alle
Äußerungen über Poesie, das Wesen des Künstlertums usw. herangezogen werden.
Käte Friedemann behauptet nun, es widerspräche durchaus der Art Friedrich
Schlegels, in den Athenäumsfragmenten sowohl von Fichte wie von der Ironie zu
sprechen, ohne beide je miteinander in Zusammenhang zu bringen. Denn er. sei
keine unbewußte Natur und gebe sich stets Rechenschaft über die Einwirkungen,
die er erfahren habe. Den Beweis für diese kühne Behauptung bleibt sie schuldig.

') Die Behauptung, die romantische Ironie beruhe auf dem Grunde der roman-
tischen Auffassung vom Tragischen, lasse ich hier auf sich beruhen. ; • '
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