Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 14.1920

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VIII.

Über Wertung und Wirkung von Werken
der bildenden Kunst1).

Von

Otto Loewi.

Wenn wir Werken der bildenden Kunst gegenübertreten, so wer-
den wir schon im ersten Moment sie scheiden in solche, die uns
gleichgültig sind, und solche, die uns etwas bedeuten. Die Art der
Stellungnahme ist wesentlich abhängig von der Art und, wenn ich so
sagen darf, vom Vorleben des Betrachters. Oft oder vielleicht meist
ist der erste Eindruck nicht oder nicht hauptsächlich bestimmt durch
künstlerische, sondern durch außerkünstlerische Momente; daher ist er
mehr oder weniger gleichzuwerten Oeschmacksäußerungen auf ganz
anderen als künstlerischen Gebieten und sagt so oft weniger aus über
den Wert des Kunstwerkes als solchen als über den Wert des
betrachtenden Individuums. Die meisten Betrachter beanspruchen
auch gar nicht Kunstrichter zu sein; es genügt ihnen der Genuß,
gleichviel, ob das Werk Kunstwert besitzt oder nicht.

Nun gibt es aber anderseits viele, die das Bedürfnis haben nach
einem wenn auch nicht allgemeingültigen so doch dem Wesen des
Kunstwerks an sich Rechnung tragenden Werturteil.

Die folgenden Erörterungen sollen daher der Frage gelten:

1. ob und inwieweit ein Werturteil möglich ist und

2. in welchem Verhältnis es zur Wirkung steht.

Es kann meines Erachtens keinem Zweifel unterliegen, daß die
Wertung von Kunstwerken deren besonderem von anderen zu be-
urteilenden Erscheinungen abweichenden Charakter Rechnung tragen
muß; es müssen sich also die Normen ausschließlich oder wesentlich
aus dem besonderen Sinn der künstlerischen Darstellung ableiten
lassen, mit anderen Worten: die Beurteilung des Wertes einer künst-
lerischen Leistung wird sich danach richten müssen, ob diese mehr
oder weniger dem Sinn allen Kunstschaffens entspricht.

') Nach einem Vortrag.
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