Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 14.1920

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284 BEMERKUNGEN.

dieses Göttliche zu verkündigen, mitzuteilen und darzustellen... Ver-
mitteln und Vermitteltwerden ist das ganze höhere Leben des Menschen, und
jeder Künstler ist Mittler für alle übrigen.« Und »ein Künstler ist, wer sein
Zentrum in sich selbst hat« (aus Idee 45). Auch da, wo er als Schriftsteller von
der Notwendigkeit spricht, sich im Ausgeben der Welt gegenüber zu beschränken,
meint er, das sei der beste Prüfstein des großen Schriftstellers, »denn man kann
sich nur in den Punkten und an den Seiten selbst beschränken, wo man unendliche
Kraft hat, Selbstschöpfung und Selbstbeschränkung« (Lyzeumsfrag-
mente 37).

Es ist also wieder zum mindesten sehr einseitig, wenn Käte Friedemann der
Frühromantik nur die begeisterte Resignation eines Spinoza zuschreiben will. Es
lebt in ihr auch das Gefühl göttlicher Überlegenheit über alle Kreatur, jenes Be-
wußtsein einer geistigen Herrschaft, das in Novalis so bezeichnend zum »magischen«,
die empirische Welt zur Unterwerfung zwingenden Idealismus sich verdichtet. Erst
als dieser Glaube schwankt und erlischt, wird der Platz frei für den geoffenbarten
Glauben der Kirche, das Dogma.

Regelmäßigkeit und Gesetzmäßigkeit in der Architektur.

Von

Leo Adler.

Tritt man an die geschichtliche Betrachtung der Baukunst nicht nur unter dem
Gesichtspunkt der Tatsachenforschung heran, sondern wirft man die Frage nach
ihrer gesetzmäßigen Entwicklung auf, so stößt man nur zu bald auf den erschweren-
den Umstand, daß die kunstwissenschaftliche Terminologie häufig an einer be-
klagenswerten Verschwommenheit leidet, daß das betreffende Wort über seinen
Begriffsinhalt gar nichts aussagt. Allerorten tritt die schon von Wölfflin beklagte
Tatsache zutage, daß in der Kunstwissenschaft die begriffliche Forschung mit der
Tatsachenforschung nicht Schritt gehalten hat'). Für die Architektur kommt noch
ferner der Umstand hinzu, daß es sich in der Mehrzahl der Fälle um übertragene
Begriffe handelt, die auf dem Gebiete der Schwesterkünste gewonnen sind;
ich brauche nur auf den alten und scheinbar unlöslichen Streit um den Begriff des
Malerischen und Unmalerischen in der Architektur hinzuweisen -). Soll also eine
Betrachtung im genetischen Sinne erfolgen, so ergibt sich zuvor die Notwendigkeit
der Untersuchung und Zergliederung der wichtigsten Begriffe sowohl formal-ästheti-
scher als auch prinzipiell-genetischer Art im Gebiete der Architektur. In den folgenden
Zeilen soll unter diesem Gesichtswinkel die Regelmäßigkeit und Gesetzmäßigkeit
in der Baukunst einer Betrachtung unterzogen werden.

Fr. Th. Vischer definiert die Regelmäßigkeit als die »gleichmäßige Wiederkehr
unterschiedener doch gleicher Teile. Niemals kann ein ganzes Schönes darin er-
schöpft sein; nur als Teil in einem ganzen Schönen kann streng Regelmäßiges auf-
treten: mathematische Formen wie Quadrat, Kreis, Würfel, Kugel, gleiche Säulen

') Wölfflin, Kunstgeschichtiiche Grundbegriffe, 2. Aufl., München 1917, S. VIII.
-) Vgl. z. B. Gurlitt, Zum Wesen des Barock in: Berliner Architekturwelt,
14. Jahrg. 1912, S. 40 ff.
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