Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 14.1920

Page: 253
DOI article: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/zaak1920/0257
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
FX.

Über Malerbildhauer und Bildhauermaler.
(Kriterien zur Bestimmung von Werken aus einer Hand.)

Von
V. Curt Habicht.

Eine innere Verwandtschaft aller gleichzeitig entstandener Kunst-
werke aller Kunstzweige besteht trotz der bedeutenden Unterschiede
der Ausdrucksmittel. Zur Erklärung und Vertiefung der Vorstellung
vom Gesamtausdruckswillen eines bestimmten Zeitabschnittes bleibt
deshalb die Vergleichsmöglichkeit aller Künste untereinander offen und
gestattet. Mit vollem Rechte spricht man von einer wechselseitigen
Erhellung der KünsteJ) und macht auch von diesem Mittel der In-
beziehungsetzung verständnisfördernden Gebrauch. Bei allen solchen
Untersuchungen — auch bei enger gefaßten, wo Vorwiegen eines
Teilgebietes der bildenden Kunst (etwa des Plastischen oder des
Malerischen) klargestellt wird — tritt die Autorfrage hinter der Absicht,
die treibende Kraft des Stilwillens zu fassen, zurück.

An der Tatsache aber, daß eine Künstlerpersönlichkeit den Willen
und die Fähigkeit besessen haben kann, sich auf verschiedenen
Kunstzweigen — oft gegensätzlicher Art — auszudrücken, ist nicht
zu zweifeln — und wird auch nicht gezweifelt, wenn die geschaffenen
Werke unbestreitbare Fakten bilden und wenn ausreichende urkund-
liche Nachrichten sprechen. Sowohl vom Standpunkt des psycho-
genetischen Betrachters, als besonders von dem des Stilkritikers höchst
unbequeme und unleidliche Tatsachen. Wie weit wir von einer wirk-
lichen wechselseitigen Erhellung der bildenden Künste noch entfernt
sind, zeigt der Widerstand, der sich durchgängig weigert, diese Tat-
sache allein aus formalen Gründen zuzugeben. Nur da, wo die
urkundlichen Zeugnisse und Nachrichten erdrückend schwere sind,
findet man sich zu einer süßsauren Anerkennung bereit. Aber auch
hier stehen die Äußerungen wie zwei Welten gegenüber, und eine Ver-
gleichsmöglichkeit, die Auffindung des aus psychologischen Gründen

') Vgl. Oskar Walze], Wechselseitige Erhellung der Künste (Philos. Vorträge,
veröff. von der Kantgeseilschaft, Nr. 15), Berlin 1917 und dazu O.Wulff, Wechsel-
seitige Erhellung der Künste, D. L. Z. XXXIX. Jahrg., Berlin 1918, Nr. 49—52.
loading ...