Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 23.1929

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BESPRECHUNGEN.

und Mitleid ausstatten könnte oder nicht: sie erregen, nach der Meinung des Aristo-
teles, ein für allemal weder Furcht noch Mitleid, sondern sind abscheulich (ich
halte mich an Ottes Übersetzung des ov qpoßegöv otiöe ileeivbv iovvo d/Ud ßtagöv
iavw). Es gibt also (an sich leidvolle, erschreckende, jämmerliche) Handlungen,
die bloß abscheulich und nicht tragisch sind, weil sie jene tragische „Angst" nicht
aufkommen lassen, die Snell in seinem Buch über „Aischylos und das Handeln im
Drama" (Leipzig 1928) soeben sehr eindringlich an der Hand des ältesten griechi-
schen Dramatikers erklärt hat. Das ist aber kein Gegensatz zu dem Begriff der
y.d-d-agaig, wie ihn Otte selbst auf fast. Höchstens könnten wir sagen, daß sich die
/Magd eben gegen die künstlerische Gestaltung, gegen die Verwesentlichung und gei-
stige Durchdringung sträuben, weil sie zu unmittelbar auf unser Gefühl einwirken,
weil wir sie aus dem Bereich der realen Wirkungen gar nicht hinausdrängen kön-
nen. Ob diese Auffassung haltbar ist, tut hier nichts zur Sache. Die spätere Dich-
tung hat sich sehr häufig der {itagä angenommen und ihnen sehr starke dichterische,
auch tragische Wirkungen abgewonnen. In allerjüngster Zeit machte J. Schaffner
seinen „Mensch Krone" zum Helden einer erzählenden Dichtung, die den „guten
Menschen offenbar aus Glück ins Unglück geraten" läßt: die dichterische Wirkung
entspringt einer ungeheuren Vertiefung des einzelnen Falles, der nun als symbol-
kräftiges Beispiel der ungeheuren Opferungen erscheint, ohne welche die Mensch-
heit nicht bestehen, nicht innerlich vorwärts kommen könnte. Die Griechen dachten
darüber anders, ihnen fehlte ja auch die dogmatische Opferidee, an die Schaffner
anknüpft, um sie zu vermenschlichen. Aber daß die darzustellenden Ereignisse
nicht fiiagä seien, ist bei Aristoteles eine unumgängliche Vorbedingung für die
künstlerische Arbeit, die er, nach Ottes Interpretation, als xd§agaig bezeichnet: was
Furcht und Mitleid erregen kann, das muß erst noch durch den Schmelztiegel der
dichterisch-tragischen Auffassung und Gestaltung hindurchgehen, um die „der Tra-
gödie eigene Lust" zu erzeugen.

Wir sahen, daß auch in Ottes neuer Erklärung noch mancher Punkt dunkel
oder strittig bleibt. Mitunter können wir uns auch seiner geistigen Auffassung
des Textes anschließen, ohne uns gerade seine philologische Interpretation zu eigen
zu machen. Alles in allem hat er den Hintergrund, auf dem die „Poetik" erwachsen
ist, vielleicht erhellt und unser Verständnis des schwierigen und kostbaren Werkes
von innen her um ein gut Stück gefördert, hat auch manch scheinbar erledigte
Frage mit guten Gründen noch einmal gestellt. Dafür aber hat ihm vor allem die
Ästhetik (und nicht bloß die historische) zu danken.

Hamburg. Robert Petsch.

Gerhart Rodenwaldt, Die Kunst der Antike (Hellas und
Rom). Propyläenkunstgeschichte III. Berlin 1927. Propyläenverlag. 712 S.
(davon S. 1—88 Text). 43 Tafeln. 4«.

Dem Charakter der Reihe entsprechend, der es sich als Glied einfügt, liegt bei
diesem Buche das Schwergewicht in den Abbildungen. Mit seinen über 560 meist
ganzseitigen Bildern und seinen 43 Tafeln stellt es weitaus die stattlichste und beste
Sammlung dieser Art dar, die wir bis jetzt überhaupt — nicht nur in Deutschland —
besitzen. Die Auswahl, bewußt und mit Recht subjektiv, entspricht vollkommen
ihrem Zweck. Sie ist nicht eigentlich für den Gebrauch der Fachleute bestimmt,
sondern will in erster Linie den Sinn für dieses Erbe der Alten, für seinen Reich-
tum und für seine unmittelbaren, von gelehrter Forschung und überhaupt von histo-
rischem Wissen zunächst ganz unabhängigen Werte in weite Kreise tragen und
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