Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 27.1933

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Besprechungen.

Helmut Kuhn: Die Kulturfunktion der Kunst. Band 1: Die Voll-
endung der klassischen deutschen Ästhetik durch Hegel. Band 2: Erscheinung
und Schönheit. Untersuchungen über den Immanenzbegriff in der Ästhetik.
Berlin, Junker und Dünnhaupt Verlag, 1931. 123 und 224 Seiten.
Die beiden Schriften von Helmut Kuhn darf man ohne Zögern zum Besten
zählen, was an historischen und systematischen Arbeiten auf dem Gebiet der Ästhe-
tik und Kunstphilosophie in letzter Zeit erschienen ist. Ihre Bedeutung reicht aus
eben diesem Grunde sogar über jenen engeren Rahmen hinaus. Kuhn knüpft an
die neueren Forschungen zur Geschichte der Philosophie des deutschen Idealismus
überall an, weiß aber durch Konzentration des Blickes auf den Zusammenhang von
philosophischer Seinsproblematik und idealistischer Kunsttheorie auch die allge-
meinen Entwicklungszusammenhänge der metaphysischen Spekulation jener Zeit in
eine neue Beleuchtung zu rücken, die bisher weniger beachtete Verflechtungen sehen
läßt. Seine Interpretation der Ästhetik Hegels ist geeignet, auf diejenige des ganzen
Systems anregend zu wirken. Auch der zweite Band weist auf Probleme hin, die
jenseits der Grenzen eigentlicher Ästhetik in der Wahrnehmungslehre und Sprach-
philosophie liegen, insofern er seinen Ausgang nimmt von einer allgemeinen Ana-
lyse der „Erscheinung" und des „Ausdrucks" überhaupt und zu diesen heute so
brennenden Themen des öfteren zurückkehrt.

Die Untersuchungen beider Teile bilden eine Einheit sich wechselseitig ergän-
zender und stützender Betrachtungsweise. Sie sind, wie Kuhn im Vorwort erklärt,
„verbunden in dem Grundgedanken: daß die Erscheinungsform, das Äußere des
Kunstwerks, nur in ihrer Wechselbeziehung zum Gehalt tatsächlich erfaßt und
wissenschaftlich bestimmt werden kann; daß aber die Frage nach dieser Beziehung
die Kunst in den funktionalen Zusammenhang des geschichtlichen Daseins stellt,
nach ihrer »Kulturfunktion« fragt".

Der erste Band beginnt, nach einleitenden Kapiteln über biographische und
methodologische Vorerörterungen, mit einer die Problemgeschichte aufschließenden
Interpretation der Hegeischen Definition des Schönen im Zusammenhang seines
Systems. Hegel bestimmt das Schöne als „das sinnliche Scheinen der Idee", und die
erste Aufgabe ist deshalb die terminologische Klärung der darin enthaltenen Be-
griffe. Aber gerade dieses Vorhaben weist auf die Vorgeschichte der Hegeischen
Begriffe hin, welche wesentlich in zwei Entwicklungslinien verlief, die sich näherten
und bei Hegel vereinten. In diesem historischen Sinne, also in ihrem Verhältnis zu
der vorangegangenen Epoche, wird die Hegeische Ästhetik als „Vollendung" und
„Abschluß" bezeichnet. Dementsprechend gliedert sich die Darstellung nach des Ver-
fassers Worten in folgende drei Gedankenreihen:

1. „Die Erfassung der Kunst als sinnliche Darstellung der Idee verstehen wir
als den Abschluß einer Bewegung, die einerseits in der Philosophie und im engsten
Zusammenhang mit dem Erkenntnis- und Seinsproblem verläuft; die andererseits
aus der Verständigung der Kunst über sich selbst und ihren Wert resultiert und
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